Die Mädchen ziehen ein 13. März 2011
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Alptraum, Anbahnung, Übergang, Kinderheim, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Sachbearbeiterin, traumatisiert, Traumatisierung, Umzug, Vernachläsigung, Wohnort
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Selbst für uns Erwachsene ist ein Umzug immer etwas Besonderes, Aufregendes. Man verlässt einen Ort, an dem man vielleicht schon lange gelebt hat und man hängt noch lange an diesem Ort. Am neuen Wohnort muss man sich einleben, man weiß nicht, was auf einen zukommt. Auch mich beschleicht noch immer ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich dort vorbei fahre.
Wie viel beeindruckender muss es erst für unsere Mädchen sein, wenn sie nun auf Dauer bei uns wohnen sollen! Sie haben schon an vielen Orten gewohnt und alle sind von Erlebnissen bestimmt, die selten posititv waren. Die Gefühle der Vernachlässigung am Wohnort ihrer Eltern, die vielen traumatisierenden Situationen, dann die Aufnahme im Kinderheim, die Besuche bei ihren Eltern, die Traumatisierung durch die Straftat, die sie mit erlebt haben und jetzt der Umzug zu uns nach jahrelangem Leben in einer Gruppe im Kinderheim, in dem sie sich immer gegen andere durchsetzen mussten gegen andere und keine wirkliche Bezugsperson hatten.
Nun ist es so weit. Ich habe einen Pritschen-LKW gemietet, um ihre Habseligkeiten zu transportieren. Alles wird aufgeladen, die Kinder verabschieden sich herzlich von ihren Erziehern und den Gruppenmitgliedern.
“Selbst Achmet, der mich immer so geärgert hat, hat geheult”, wird Jeannett später bemerken. Es ist ein sanfter Übergang, die Kinder und wir kennen uns inzwischen gut und es ist wie die Vollendung eines langen Prozesses.
Ruth fährt mit den Kindern wie immer mit der Bahn nach Hause. Ich komme mit dem LKW an, wir entladen alles und die Kinder räumen alles in das für sie schon vorbereitete Zimmer ein. Wir haben Schränke und einen Schreibtisch gekauft. Die Tapeten sind noch die alten, der Teppich auch. Eine gute Entscheidung, wie sich später zeigen wird. Schon Frau Wehrmann, unsere Sachbearbeiterin im Jugendamt, hat uns dazu geraten, nicht alles zu erneuern. Hat sie schon etwas geahnt?
Wir haben uns entschieden, die beiden in einem Zimmer in einem Doppelstockbett gegenüber unserem Schlafzimmer unterzubringen. Wir hielten dies für sinnvoll, damit wir die Kontrolle haben und beide nicht gleich auseinandergerissen werden.
Der Abend verläuft wie immer: Abendessen, und dann das Zu-Bett-Geh-Ritual mit Singen und für Jeannett mit Einschlaftee. Die Alpträume bei Susann haben nachgelassen, sie schläft vor Jeannett ein, damit sie sich gegenseitig nicht stören. Es war eine gute Entscheidung, die Anbahnung länger zu gestalten; so kennen beide Kinder schon unser Haus und ihr Zimmer ist ihnen vertraut geworden. Ihre Spielsachen und ihre Kleidung, die meist neu ist, tun das Übrige zu der vertrauten Atmosphäre.
Für die Kinder war es ein geglückter Übergang. Für uns war es eine neue Situation, plötzlich drei Kinder zu haben. Sigrid, die ihr Zimmer im Obergeschoss hat und aber im September eine eigene Wohnung an ihrem Ausbildungsort beziehen wird, hat die beiden als ihre Schwestern akzeptiert. Auch Jeannett und Susann akzeptieren sie als die ältere Schwester, die natürlich schon für sich selbst entscheiden darf.
Ab jetzt haben wir die volle Last dessen mit zu tragen, was die Mädchen in ihrer frühesten Kindheit erlebt haben. Es ist so viel mehr als wir wissen und uns vorstellen können, das wird sich immer wieder zeigen.
Der Sturz und die verlorene Mütze 4. März 2011
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Aufsichtspflicht, Besuchskontakt, Kinderheim, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Unfall, Wunde
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Als Pflegeeltern in der Anbahnung möchte man sich von der Schokoladenseite zeigen. Alles ist perfekt, alles klappt, die Kinder sind hingebungsvoll und es gibt keine Zwischenfälle.
Jeannett und Susann sind wieder bei uns zu Besuch. Es ist ein weiterer schöner, sonniger Frühlingstag. Ruth und ich arbeiten im Garten und die Kinder spielen in unserer ruhigen Wohnstraße. Zwei Autos passen gerade aneinander vorbei, es gibt also keine Gefahr. Jeannett übt sich im Rollerskates-Fahren und Susann darf Sigrids altes Fahrrad ausprobieren.
Da plötzlich kommt Susann mit dem Fahrrad angeschossen. Sie gerät auf den Schotterstreifen am Rand. Der Lenker zittert, sie kann ihn nicht mehr halten. Sie stürzt auf die Seite und schlittert mit ihrem kurzen Kleidchen, das wir ihr gerade neu gekauft haben und ihrem linken Bein über den rauen Asphalt. Susann beginnt wie am Spieß gegrillt zu schreien. ich stürze aus der Eingangspforte, nehme sie auf den Arm und trage sie über die Terrasse ins Wohnzimmer. Sie hat Schürfwunden, das Knie blutet. Mein Puls erreicht 130.
Äußerlich bleibe ich ruhig. Ruth ist eben eingetroffen, begreift sofort. Ich suche etwas zum Desinfizieren, eine Wundsalbe und Pflaster zusammen. Susanns Schreie sind einem leisen Wimmern gewichen. Ich beuge mich zu ihrem Knie herunter, stille das Blut, desinfiziere die Wunde und behandle alles mit der Wundsalbe. Zum Schluss plaziere ich gekonnt ein Pflaster aufs Knie. Ich weiß: Das hat alles einen eher symbolischen Wert. Sie fühlt sich angenommen, ist der Mittelpunkt. Aber Susann lächelt leicht, als Ruth bemerkt:
“Alles nicht so schlimm, bis zur Hochzeit ist alles wieder gut!”
Dann müssen wir uns auf machen, um die beiden wieder ins Heim zu bringen. Ein bisschen mulmig ist uns schon. Besonders, als uns im Zug auffällt, dass Susanns Mütze fehlt.
Susann ist ungewöhnlich zerknirscht. “Ich glaube, ich habe die Mütze verloren. Ich weiß nicht mehr, wo sie ist.”
Aber die Betreuer sehen alles sehr locker.
“Das kann schon passieren, ist nicht so schlimm. Und ein paar Mützen haben wir auch noch”, ist die unerwartete Reaktion.
Uns ist das alles sehr peinlich. Hoffentlich hält man uns nicht für unprofessionell. Haben wir unsere Aufsichtspflicht etwa versetzt? Und dass mitten in der Anbahnung? Sind wir schlechte Pflegeeltern? Wie wird das von den “Profis” aufgenommen? Wir sind uns nicht sicher.
Auf dem Heimweg gehen wir alles noch einmal durch. Wir sind froh darüber, dass uns allem Anschein nach niemand einen Vorwurf macht. Noch wissen wir ja nicht, dass das Verlieren von Sachen und Unfälle bei Susann zum Alltag gehören. Noch kennen wir die Hintergründe nicht. Die Bedeutung werden wir erst später erfahren.
Eine harmonische Woche 2. März 2011
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Alptraum, Anbahnung, Angst, Besuchskontakt, Bindung, Katzen füttern, Kinderheim, Pflegeeltern, Pflegekinder, traumatisierte Pflegekinder, vernachlässigt, zerrüttete Familie
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Anbahnungen bei Pflegekindern brauchen Zeit. Geht alles überstürzt, bedeutet das womöglich, dass Pflegeeltern und Pflegekinder doch nicht mit einander auskommen. Die Folge ist besonders bei traumatisierten Kindern katastrophal. Es kann einen erneuten Abbruch von schon gewachsenen Bindungen bedeuten und die spätere Bindungsfähigkeit negativ beeinflussen.
Deshalb sind wir glühende Verfechter von sanften Anbahnungen. Dazu gehört, dass wir die beiden Mäuse am Ostermontag abholen, damit sie eine Woche lang bei uns verbringen können. Wir möchten sie möglichst gleitend in unseren Alltag einbinden. Wir wissen, dass sie aus einer zerrütteten Familie kommen, dass sie vernachlässigt und zu fremden Menschen abgeschoben wurden. Eine intakte Familie haben sie bisher noch nicht kennen gelernt. Der Alltag im Kinderheim ist nicht eben spannend, es gibt keine durchgehend verfügbaren Bezugspersonen. Wie werden sie auf das Leben in einer Familie reagieren?
Auch wenn wir beide Urlaub haben, die normalen Aufgaben, die in einer Familie erledigt werden müssen, stehen an. Dabei versuchen wir, die beiden Mädchen mit einzubinden. Noch ist alles spannend, noch ist alles neu. Ob es darum geht, den Tisch abzuräumen oder die Wäsche aufzuhängen, alles funktioniert ohne Murren. Etwas Besonderes ist es, die Katzen zu füttern. Deshalb dürfen sie im Wechsel die Katzen füttern, Susann morgens und Jeannett abends. Tags über spielen sie in unserer ruhigen Wohnstraße oder dürfen auch mal zum Laden am Bahnhof gehen. Dann nehmen sie die Gelegenheit wahr, an der Schranke zu stehen und den Zügen zuzusehen.
Auch für Ausflüge bietet sich das Frühlingswetter an. Wir fahren in die Heide und die beiden tollen um die Hünengräber herum. Im Glasmuseum sehen sie gebannt dem Glasbläser zu. Es sind viele Eindrücke, die sie bekommen, aber schon bemerken wir, wie sich sie traurige Leere in ihren Gehirnen langsam füllt. Mit glänzenden Augen saugen sie alles auf, was ihnen begegnet.
Anders dagegen die Nächte. Es ist nicht einfach, die beiden überhaupt zum Schlafen zu kriegen. Angesichts der aufregenden Tage ist das auch nicht verwunderlich. So setze ich mich abends zum Einschlafen zu ihnen an die Betten und singe zur Gitarre Lieder wie “Puff the Magic Dragon” und zum Schluss ein Gute-Nacht-Lied wie “Old Lang Syne”. Das gibt ihnen die nötige Ruhe.
Manchmal aber steht Jeannett abends um zehn im Wohnzimmer und klagt:
“Ich kann nicht schlafen.”
Also mache ich ihr einen Gute-Nacht-Tee, der signalisiert: Ab jetzt ist wirklich Ruhe!, und es funktioniert.
Nachts erwachen wir fast täglich von Susanns Stöhnen und Weinen. Sie wird geschüttelt von Alpträumen. Also halte ich ihre Hand und spreche beruhigend auf sie ein, bis sie wieder einschläft. Wir können nur ahnen, welche Ängste sie nachts heimsuchen.
Als wir sie am Sonntag wieder ins Heim bringen, ist der Abschied herzlich. Es scheint, als könnten sie uns akzeptieren. Und wir haben einen ersten Einblick darin bekommen, was wir bereit sein müssen, zu leisten. Es wird nicht einfach, aber wir sind zuversichtlich, den beiden eine Familie bieten zu können, in der sie sich gut entwickeln können.
Der Osterausflug 25. Februar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Besuchskontakt, beten, Bindung, Heimkinder, Kinderheim, leibliche Eltern, lieber Gott, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Sandkiste, Sandkuchen, Spielplatz, Wildschweine
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Heimkinder sind dankbar für jede Abwechslung. Für den Karfreitag haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht. Es ist frühlingsmild und die Vögel zwitschern. Besser kann ein Tag nicht sein.
Für diesen Tag haben wir uns ein Auto gemietet. Wir holen unsere beiden Mäuse aus dem Kinderheim ab und fahren in den Wald. Ruhig fließt der Fluss durch die Landschaft. Die beiden sind voller Spannung und sehen wie gebannt von der Rückbank aus auf die Landschaft.
Da! Was ist das? Ich muss bremsen. Vor dem Wagen ein Rudel Wildschweine. Die Kinder stoßen gleichzeitig einen hohen Schrei aus. Langsam teilt sich die Rotte und ich rolle an ihnen vorbei, so dass die beiden sie genau aus dem Auto heraus beobachten können.
“So etwas habe ich noch nie gesehen!”, stößt Susann schreckgezeichnet hervor.
“Das gibt es überall”, erkläre ich ihr, “man muss sich dann ganz ruhig verhalten, wenn man ihnen im Wald begegnet.
“Ich glaube, das könnte ich nicht”, kommentiert die sonst so mutige Jeannett.
Wir parken das Auto und spazieren durch den Wald. Auf einem Spielplatz lassen wir die beiden toben. Schaukeln, klettern, rennen – und wir machen mit.
Als es etwas ruhiger wird, buddeln sie etwas in einer Sandkiste und präsentieren uns unaufhörlich mit Sandkuchen, die wir “essen” müssen. Plötzlich hält Susann inne, faltet ihre Hände und betet: “Lieber Gott, danke dafür, dass du uns so liebe Pflegeeltern gibst.”
Damit haben wir nicht gerechnet. Sind sie uns schon so nah? Haben sie keine Bindung mehr an ihre Eltern? Was bringt ein Heimkind dazu, so zu reagieren? Haben wir schon “gewonnen”? Oder möchte sie uns nur gefallen?
Egal, wir sind gerührt und genießen die Situation. In einem Restaurant am Fluss gibt es auf der Terrasse noch einen großen Eisbecher. Dann bringen wir sie wie versprochen wieder zurück. Ein herzlicher Abschied und wir machen uns auf nach Hameln, um dort Ruths Familie über Ostern zu besuchen.
Lange haben wir überlegt, ob es sinnvoll wäre, die beiden Mäuse mitzunehmen. Aber wir haben uns dagegen entschieden. Schließlich ist noch nichts fest und wir wollen nicht, dass sie Bindungen aufbauen und womöglich wieder abbrechen müssen. Aber wir haben ja die Zeit ab dem Ostermontag, wenn wir sie wieder holen dürfen und sie für eine Woche zu uns nach Hause beurlaubt sind. Wir freuen uns schon auf die Zeit.
Fahrt mit der Bahn 22. Februar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Aufmerksamkeit, Besuchskontakt, Familienstrukturen, Geschwisterkinder, Horizont, Kietz, Kinderheim, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, schäbig, Tänze, Theaterstück
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Kinder, die im Heim leben, sind gut behütet und werden professionell betreut. Aber meist sehen sie nur ihre Umgebung. Manchmal gibt es Urlaubsreisen, die sind allerdings eher selten. Eine Fahrt mit der Bahn ist da schon ein Erlebnis.
Nachdem wir Jeannett und Susann nun schon einige Male besucht haben, setzt sich die Anbahnung auch mit Besuchen bei uns zuhause fort. Langsam zieht der Frühling ein und es ist mild. Das Heim ist dreißig Kilometer entfernt von unserem Wohnort und wir haben seit fast einem Jahrzehnt auf ein Auto verzichtet. Statt dessen fahren wir eine Stunde lang mit der Bahn.
Beide Mädchen sind voller Erwartung. Wir ziehen sie an und laufen zum Bahnhof. Beide tollen um uns herum. Dann kommt die Bahn und wir steigen ein. Susann schmiegt sich an Ruth und Jeannett blickt interessiert und mit wachen Augen aus dem Fenster. Sie liest jedes Bahnhofsschild bei jedem Halt und versucht sich die Reihenfolge zu merken. Am letzten Bahnhof liest Jeannett:
“Denkendorf! Ist das, wo ihr wohnt?”
“Wiee??? Deckeldorf???”, amüsiert sich Susann und alle lachen lauthals.
“Ja, hier wohnen wir”, bestätigt Ruth. Wir verlassen den Bahnhof und laufen durch das Wohngebiet, das aus großen Grundstücken mit gemütlichen, kleinen Häuschen besteht, durchsetzt von Wochenendgrundstücken. Der Weg vom Bahnhof ist besonders wichtig. Als wir vor unserem Haus angekommen sind, sehen wir die Mädchen leise staunen. Sie kennen nur das Heim und von früher den schäbigen, problembelasteten Kietz, in dem sie damals ihre ersten Lebensjahre verbracht haben.
Ruth macht Spaghetti mit Tomatensoße und alle langen kräftig zu. Es gibt Saft, vermischt mit Wasser aus dem Wassersprudler. Danach gibt es ein leckeres Eis.
Das Wetter ist schön. Die Terrassentür ist offen und während wir dort sitzen und einen Kaffee trinken, tollen die Mädchen im Garten herum und führen uns Tänze und kleine Theaterstückchen auf. Eine will die andere überbieten. Alles ist schön und harmonisch. Als ob sie schon immer bei uns waren.
So kommt denn die Zeit überraschend, als wir uns wieder auf zum Bahnhof machen müssen. Beide sind müde aber glücklich. Wieder prägt sich Jeannett die einzelnen Stationen ein und viele hat sie schon in der Reihenfolge behalten. Nach einer Stunde Fahrt landen wir wieder im Heim und die alte Welt hat unsere beiden wieder. Aber sie sind um eine Erfahrung reicher.
Das Schönste daran, Pflegekinder zu haben und bis zur Volljährigkeit zu begleiten ist es, zu beobachten, wie sie mehr und mehr Interesse an der Welt finden. Wie sie ihren Horizont erweitern und mit den anderen Kindern mithalten können. Wie sie die Welt verstehen lernen. Wie sie lernen, sich in Familienstrukturen einzufügen und davon zu profitieren. Wie sie zu wertvollen und akzeptierten Mitgliedern in dieser Gesellschaft heranwachsen.
Noch zeigt sich aber nicht, dass es ein Risiko ist, Geschwisterkinder aufzunehmen. Zwar hätten wir jetzt schon die Konkurrenz zwischen den beiden beobachten können und wie sie um unsere Aufmerksamkeit kämpfen. Aber wir sind zu verliebt in die beiden, um diese Anzeichen als ein Problem akzeptieren zu können. Wir sind erst einmal nur glücklich.
Hintergründe 17. Februar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Besuchskontakt, blauäugig, Dauerpflege, Gefängnisstrafe, gewarnt, Hilfeplan, Jugendamt, Kindesmutter, Kindesvater, Lieblingstochter, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Sauftouren, Trauma, Weihnachten
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Heute sind wir zum Jugendamt eingeladen. Es geht um die Biografie der beiden Mädel und um die Hintergründe der Vermittlung. Wir sitzen in einem weiß getünchten Raum mit zwei Schreibtischen und einem Besprechungstisch. Mit uns sind Frau Wehrmann, die für Susann und Jeannett zuständige Sachbearbeiterin und die für den Kindesvater zuständige Frau Süßberg.
“Wie war der erste Kontakt?”, will Frau Wehrmann wissen. Wir berichten unsere ersten Eindrücke. Und wir sind gespannt, was uns die beiden zu berichten haben.
Beide Mädel sind schon seit längerem beim Jugendamt bekannt. Sie sind offensichtlich von ihrer Familie häufig allein gelassen worden, so dass Jeannett, die Lieblingstochter des Kindesvaters, auf ihre Schwester aufpassen und öfter Nahrung besorgen musste. Sehr zeitig schon trennte sich die Kindesmutter von der Familie. Der Vater war häufig auf Sauftouren unterwegs. Ab und zu tauchte auch die Mutter auf, um mitzusaufen. Die Kinder spielten für sie keine Rolle.
Auch wurden die Kinder eines Morgens um zwei in Frankfurt, mitten im Vergnügungsviertel in Begleitung zweier Männer von der Polizei aufgegriffen und zum Kindesvater zurück gebracht. Der beteuerte, es sei alles in Ordnung und er habe davon gewusst.
Letztes Weihnachten, als die Familie für wenige Monate wieder vereint war, geschah das Ungeheure. Der Vater versucht, die Mutter in Anwesenheit der Kinder umzubringen. Die Kinder, die auf Besuchskontakt in der Familie sind, werden von der Polizei zurück ins Heim gebracht.
Von nun an ist klar, dass eine Stabilisierung der Familie mit der Option der Rückführung nicht mehr in Frage kam. Der Kindesvater ist zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er zu verbüßen hat. Dies führte nun dazu, dass Pflegeeltern für eine Dauerpflege gesucht wurden.
Wir haben die Möglichkeit, Einblick in die Hilfepläne zu bekommen. Es ist die Rede von Alpträumen und Einnässen bei Susann und tiefer Verschlossenheit bei Jeannett. Auch wurde Susann dabei beobachtet, dass sie sich ganz ungeniert sexuell stimuliert. Polizeiberichte jedoch liegen nicht vor.
Zu diesem Zeitpunkt können wir noch nicht ahnen, was auf uns zu kommt. Wie viel Energie wir aufwenden müssten, wie viel Wissen wir uns aneignen müssten. Trauma, Dissoziation, Vernachlässigung, Lolita-Syndrom sollten Worte werden, die uns ständig begleiteten. Wir waren absolut blauäugig und niemand hat uns gewarnt.
Susanns Geburtstag 6. Februar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Aufgewühltsein, Besuchskontakt, Elternhaus, Fieber, Geburtstag, Heimkinder, Kopfschmerzen, leibliche Eltern, Mittelpunkt, Pflegefamilie, Pflegekinder, Spaziergang, wertvoll
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Geburtstage sind für Kinder sehr wichtig. Da stehen sie allein im Mittelpunkt, bekommen Geschenke, alles dreht sich um sie. Alle zeigen ihnen Aufmerksamkeit und wie willkommen und wertvoll sie auf dieser Erde sind.
Das ist bei Heimkindern nicht anders, eher wichtiger. Schließlich haben es ihre leiblichen Eltern nicht hingekriegt, ihnen zu zeigen, wie wichtig sie ihnen sind. (Das kommt manchmal erst dann, wenn die Kinder in einer Pflegefamilie angekommen sind und sich zeigt, dass sie sich hier wohler fühlen als im eigenen Elternhaus.)
Also nutzen wir die Gelegenheit und besuchen die beiden Mädchen, die vielleicht einmal bei uns aufgenommen werden sollen.
Susann ist heftig erregt und freut sich über unseren Besuch. Sie hat vom Heim ein paar Geschenke bekommen, nur ihre Mutter scheint das Datum vergessen zu haben. Den Kuschelteddy, den wir ihr mitgebracht haben, schließt sie sofort in ihre Arme und lässt ihn nicht los, während wir mit den beiden spielen.
Schließlich macht die junge Diakonisse uns den Vorschlag, doch etwas spazieren zu gehen. Beide Kinder werden für das winterliche Wetter eingepackt und wir suchen uns einen schönen Weg am Ufer des in der Nähe liegenden Flusses. Susann weicht Ruth nicht von der Seite und erzählt vom Alltag im Heim. Jeannett tobt um mich herum.
Susann aber wird immer stiller.
“Ich habe Kopfschmerzen und mir ist ganz heiß.”, sagt sie mit leiser Stimme. Also treten wir den Rückweg an. Im Heim angekommen, stellen die Erzieher fest, dass sie fiebrig ist und beginnt, asthmatisch zu husten. Sie muss sofort ins Bett und wir verabschieden uns.
Wir kennen das schon von Sigrids Anbahnung. Heimkinder reagieren sehr feinfühlig auf solche Veränderungen und zeigen das auch körperlich. Fieber ist der normale Ausdruck für die spannungsgeladene Situation und ihr Aufgewühltsein. Wir wissen: Es hat nichts mit uns zu tun.
Es war dennoch ein schöner Tag. Wir haben einem Menschlein zeigen können, wie wertvoll es ist, vielleicht das erste Mal, dass Susann so etwas erfahren hat. Wir sind erfüllt von diesem Gefühl.
Erstbegegnung 4. Juni 2010
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Besuchskontakt, Besuchstremin, Geschwister, Jugendamt, Kinderheim, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Straftat, Vergangenheit
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Heute ist es soweit. Das erste Mal, dass wir sie sehen, unsere beiden Mädchen. Wir waren beim Jugendamt, haben uns Informationen geholt, uns vorgestellt. Nun sollen wir sie kennen lernen.
Das Heim ist evangelisch, wir werden von einer jungen Diakonisse in Tracht begrüßt. Sie macht einen netten, kompetenten Eindruck.
Es ist wie im Film. Die beiden Geschwister stehen uns gegenüber, Hand in Hand. Es fehlen nur noch die großen Schleifen im Haar. Sie heißen Susann und Jeannett, sechs und acht Jahre alt. Die junge Frau sagt: “Das sind eure Pflegeeltern.”
Hoppla! So schnell geht das wieder? Wir stellen uns mit Ruth und Nico vor. Wollen wir was unternehmen?
Wir machen einen Spaziergang, die beiden tollen um uns rum. Sie sind locker und gelöst, aber sie halten zusammen. Wir beobachten auch, dass die Ältere die Jüngere beschützt und auch etwas beherrscht.
Inzwischen sind wir gebrannte Kinder. Wir freuen uns zwar, aber wir sind vorsichtig, um nicht wieder enttäuscht zu werden. Wir vereinbaren einen weiteren Besuchstermin zum Geburtstag von Susann. Und wir sind vorsichtig optimistisch. Kinder in der Anabahnugsphase als “süß” zu bezeichnen, liegt uns fern. Wir wissen, dass die beiden vernachlässigt worden sind, dass Jeannett Susann oft hat beaufsichtigen müssen und für sie verantwortlich war. In ihrer Gegenwart ist während eines Besuchskontakts in ihrem Elternhaus eine Straftat geschehen. Sie haben bestimmt beide ihr Päckchen zu tragen. Die Auswirkungen sollten sich noch zeigen.
Wir kämpfen um Pflegekinder 27. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Jugendamt, missbraucht, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegestelle, traumatisiert, verhaltensgestört, vernachlässigt, Verwaltung
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Es wird so langsam klar: Obwohl der Landkreis per Zeitungsannoncen Pflegeeltern sucht, bekommen wir keine Kinder. Sicher, wir haben einmal abgelehnt. Die Mutter hat psychische Probleme, der Junge ist stark verhaltensgestört. Sie müsste sozusagen “mitbetreut” werden. Der Wohnort liegt sechzig Kilometer von unserem entfernt.
Es reicht uns. Wir suchen andere Lösungen. Seit wir mit Sigrid, unserer ältesten Pflegetochter in diesen Kreis gekommen sind, geht es mit Frau Schilling nicht gut. Sie scheint uns nicht zu wollen.
Also wenden wir uns an das Jugendamt, das in Hamburg für uns zuständig war und uns überprüft hat:
Pflegekinder aus Hamburg nach Niedersachsen…
Sehr geehrte Frau Beltz-Grenardier,
es hat uns keine Ruhe gelassen, und so haben wir uns kundig gemacht, ob nicht auch aus Hamburg Pflegekinder nach Niedersachsen (genauer: Denkendorf) vermittelt werden könnten. Der Grund dafür ist ganz einfach: Alle bisherigen Anbahnungsphasen gestalten sich sehr aufwendig, da wir am oberen Ende des Landkreises wohnen und wir mitunter sehr weit fahren müssen, um eine Einrichtung zu erreichen. Dennoch stehen wir zur Zeit mit Frau Schilling im Jugendamt Lüneburg in Kontakt, um eine Anbahnung in einer Einrichtung in Lüneburg zu beginnen.
Mit einem Schreiben an den Senator für Jugend, Bildung und Sport, das wir Ihnen beilegen, haben wir versucht, eine Klärung zu erreichen. In der beigefügten e-mail-Antwort hat uns Herr Grenz die Voraussetzungen erläutert und uns geraten, direkt mit den Stadtteilverwaltungen Kontakt aufzunehmen.
Wir wenden uns nun an Sie als der Stelle, die sowohl derzeit unsere Eignung festgestellt hat als auch die Voraussetzungen unserer Pflegestelle kennt. Auch Frau Schilling vom jetzt zuständigen Jugendamt kennt diese Voraussetzungen. Dementsprechend sind die von Herrn Grenz genannten Bedingungen optimal erfüllt.
Wir können uns gut vorstellen, dass Kinder aus ihrer momentanen Situation in einer Großstadt herausgelöst werden müssen, um in ruhiger Atmosphäre eine positive Entwicklung zu nehmen. Wir sind unter diesen Voraussetzungen dazu bereit, weitere Pflegekinder aufzunehmen.
Zeitgleich mit diesem Schreiben werden wir Frau Schilling vom Jugendamt des Landkreises Lüneburg anschreiben und ihr die oben beschriebene Situation ebenfalls schildern. Wir würden es begrüßen, wenn beide Jugendämter in Kontakt treten, um eine Vermittlung von Pflegekindern aus Hamburg in unsere Pflegestelle zu ermöglichen.
Bitte teilen sie uns möglichst bald mit, wie sie die Chancen für die Vermittlung Hamburger Kinder in unsere Pflegestelle unter diesen Voraussetzungen sehen.
Freundliche Grüße
Es ist kaum zu fassen: In einem Land, in dem es jedes Jahr 200.000 missbrauchte, vernachlässigte Kinder gibt, müssen Pflegeeltern um Pflegekindern betteln und ihre Dienste anbieten. In eben diesem Land gelten Verwaltungsprobleme zwischen Gemeinden und Bundesländern mehr als das Wohl von Kindern, die missbraucht und vernachlässigt wurden. In eben diesem Land gibt es Fälle, in denen Kinder ihren traumatisierenden Eltern zurückgeführt werden, um das Geld für die Pflegestellen zu sparen.
Ist Deutschland ein kinderfreundliches Land?
Nicht unter dem Weihnachtsbaum!? 13. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Adventskranz, Anbahnung, Besuchskontakt, Eingewöhnung, Emotionen, Jugendamt, Kindesmutter, Kindeswohl, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegschaft, Plätzchen, Tannenbaum, Vermittlungsversuche, Weihnachten
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Die Anbahnung mit unseren beiden zukünftigen Pflegekindern macht Fortschritte. Ursprünglich war ein Besuch der Kinder in Begleitung einer Erzieherin in unserem Hause geplant. Und wir sind froh darüber, dass wir die Kinder abholen dürfen, obwohl aus dienstlichen Gründen keine Erzieherin zur Begleitung zur Verfügung steht.
Es ist ein Samstag kurz vor Weihnachten. Wir backen Plätzchen, trinken Kakao und lassen die Kerzen am Adventskranz brennen. Was für eine Stimmung! So als wäre es noch nie anders gewesen. Der Geruch von Gewürzen, Tanne, Kaffee und Kakao, das Halbdunkel…
Als es so weit ist, dass sie den Heimweg antreten sollen, fragen sie uns mit erwartungsvollem Blick, ob sie nicht bei uns bleiben könnten.
Wenn wir jetzt im Heim anrufen würden, stünden die Chancen vielleicht nicht schlecht dafür, dass die beiden bei uns übernachten könnten. Aber wollen wir das wirklich? Es sind gerade drei Wochen her, dass wir uns kennen. Nach unserer Erfahrung und den Berichten anderer Pflegeeltern wissen wir, dass zu schnell entstandene Pflegeverhältnisse eben so schnell scheitern. Es braucht Zeit, um sich gegenseitig kennen zu lernen und an einander zu gewöhnen und den Alltag u gestalten. Bei unserer ersten Pflegetochter hat die Anbahnung mehrere Monate gebraucht. Und ebenso wissen wir, mit welchen Emotionen der Heilige Abend und das Weihnachtsfest behaftet ist. Was, wenn die Gefühle durchbrechen und wir die Kinder zurück bringen müssten?
Ruth formuliert es so:
Pflegekinder sind kein Weihnachtsgeschenk, die man eben mal so unter den Tannenbaum legen kann.
Also schreiben wir dem Jugendamt:
Perspektivisch stellen wir uns vor, unser Verhältnis zu den Kindern weiter zu festigen. Wir stellen uns dafür eine Phase von ein bis zwei Monaten vor. In diesem Zeitrahmen könnten Beurlaubungen aus der Einrichtung zur Eingewöhnung in unsere Familie genutzt werden. Dazu würden sich Ferienzeiträume wie die Zeit zwischen den Weihnachtsfeiertagen und dem Jahreswechsel besonders eignen. Die zwei ersten Februarwochen könnten je nach Fortschritt der Anbahnung einen Übergang in die Pflegschaft bilden. Diese Form der behutsamen Anbahnung würde für die Kinder zu einem reibungslosen Übergang in die Pflegefamilie führen, so dass die Eingewöhnung wenig Probleme verursachen würde.
Das war wohl eben so professionell wie verkehrt. Als wir uns im Heim melden, um die Besuchstermine für Weihnachten und die nächsten Monate klar zu machen, sagt uns die Heimleitung kurz angebunden, dass es keine weiteren Kontakte geben würde. Die Kindesmutter hätte der Überführung der Kinder in eine Pflegefamilie nicht zugestimmt.
Monate später erfahren wir von Pflegeeltern aus unserem Kreis, dass der Heimleitung die Anbahnung nicht schnell genug gegangen wäre und wir wohl kein Interesse an den Kindern hätten. Wir erfahren auch, dass wir nicht die ersten und letzten Vermittlungsversuche gewesen sind.
Jugendämter sind schon merkwürdige Institutionen. Sie sind ausgestattet mit einer enormen Entscheidungsmacht und zögern zugleich, Recht und Gesetz umzusetzen. Sie bestimmen über Beginn und Ende von Pflegeverhältnissen und sollen dabei das Wohl der von ihnen betreuten Kinder berücksichtigen.
In unserem Fall sind Zweifel wohl angebracht, ob die wiederholten Vermittlungsversuche den Kindern gut getan haben. Aus der Absicht, die Kinder möglichst schnell los zu werden, wurde offenbar nichts.