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“Totaloperation” 31. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Sowohl verzweifelte Pflegeeltern als auch leibliche Eltern wenden sich manchmal an das Jugendamt, um spontan Hilfe zu bekommen. Leider ist die Hilfe der Jugendämter manchmal sehr wenig der Situation angemessen, sondern nicht an den Bedürfnissen in der Konfliktsituation orientiert.

Ein solcher Konflikt tut sich heute bei uns auf. Ich entdecke, dass mir 30 € aus meinem Portemonnaie fehlen. Susann gibt zu, dass sie es war. Ruth und ich sind ziemlich aufgebracht. Warum tut sie das immer wieder? Was können wir tun, um es zu verhindern?

Susann sitzt leise weinend in ihrem Zimmer, Jeannett ist bei ihr. Wir kennen die Gründe, die Tatsache, dass Susann sich wieder in ihrem anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil befindet und nicht mehr in ihrem traumatischen, emotionalen Persönlichkeitsanteil. Sie leidet unter ihrem eigenen Verhalten.

Also beschließen wir, jetzt das Jugendamt in die Pflicht zu nehmen. Wir rufen Frau Schilling an.

“Frau Schilling, wir sind hier in einer äußerst konfliktreichen, emotional aufgeladenen Situation”, erkläre ich ihr. “Susann hat uns zum wiederholten Male bestohlen, wir kennen die Gründe, aber wir sehen keinen Ausweg mehr. Wir brauchen jetzt und unmittelbar Hilfe.”

Stille am anderen Ende der Leitung. Dann ein Vorschlag, der uns die Haare zu Berge stehen läßt.

“Soll ich die Kinder in Obhut nehmen lassen?”

Wir sind geschockt. Damit haben wir nicht gerechnet. Wir dachten daran, endlich eine Traumatherapie bewilligt zu bekommen, endlich und bereits morgen, durch die Möglichkeiten, von denen wir annahmen, dass sie das Jugendamt hätte.

Ich gebe zu, dass wir die Möglichkeit in Erwägung ziehen. Aber beide? Warum das? Gäbe es nicht die Möglichkeit, jetzt die beiden Kinder zu trennen, für Susann eine neue Pflegefamilie in der Nähe zu finden, damit beide Kinder sich nicht fortwährend gegenseitig triggern?

“Gäbe es nicht die Möglichkeit, dass Susann uns allein verlässt und in einer Pflegefamilie in der nähe untergebracht wird?”, schlage ich Frau Schilling vor”

“Nein, das geht nicht”, lehnt unsere Sachbearbeiterin schroff ab, “Die Kinder müssen zusammen bleiben. Das sind unsere Richtlinien.”

“Wir würden uns das gerne noch überlegen, können wir Sie innerhalb der nächsten halben Stunde nochmals erreichen?”, erkundige ich mich.

“Ja, ich erwarte Ihren Anruf”, bestätigt Frau Schilling.

Ruth und ich setzen uns zusammen. Der Streß steht uns ins Gesicht geschrieben, wir zittern.

“Das können wir nicht machen”, überlege ich. “Beide Kinder sind an uns gebunden, es würde einen erneuten Bindungsabbruch bedeuten. Wer weiß, was danach kommt. Ich finde es einfach unmenschlich.”

“Nico”, gibt Ruth zu Bedenken, “denk doch auch mal an uns. Wie lange wollen wir noch so leben? Ich kann das bald nicht mehr! Ich kann so nicht mehr leben. Ich fühle mich so hilflos!”

Ruth hat Recht. So geht es nicht weiter. Aber mir kommt eine weitere Idee.

“Ich rufe jetzt Eileen vom Pflegeelternverband an. Sie weiß bestimmt eine Lösung.”

Wir haben Glück und erreichen Eileen. Wir schildern ihr die Situation.

“Wenn ihr irgend könnt, behaltet die Kinder, mindestens für ein oder zwei Tage. Wir finden eine Lösung, ich versprech´s”, beschwört sie uns. “Wenn ihr die Kinder jetzt in Obhut gebt, könnt ihr sie genauso gut auf die nächsten Eisenbahngleise binden.”

Sie hat Recht. Also beschließen wir, dieses merkwürdige Angebot abzulehnen und Frau Schilling davon in Kenntnis zu setzen.

“Meinen Sie, Sie können mit der Situation umgehen?”, fragt sie uns. Wir bejahen diese Frage mutiger, als uns zu Mute ist.

“Wir müssen jetzt etwas tun”, dränge ich Ruth. “Lass uns ein Rollenspiel machen.”

Wir bitten Susann ins Wohnzimmer und setzen sie auf einen Stuhl. Jeannett und wir setzen uns um sie herum.

“Susann, wie viel Taschengeld hast du?” erkundige ich mich.

“Dreißig Euro” antwortet Susann bereitwillig.

“Stell dir vor”, fahre ich fort, “wir nehmen dier das Geld weg und teilen es uns auf. Jeder bekommt zehn Euro.”

“Und ich nehme dir dein rotes Sweatshirt weg, das du so magst”, legt Ruth drauf.

“Ich zerschneide dir dein Bettlaken”, meldet sich auch Jeannett.

“Ey, das dürft ihr nicht!”, protestiert Susann.

“Wie fühlst du dich jetzt?”, frage ich sie.

“Ihr seid die, die ich am meisten lieb habe”, gibt Susann zurück, “ich hätte das nie von euch gedacht!”

“Da hast du Recht”, stimme ich ihr zu. “Kannst du dir vorstellen, wie ich mich jetzt fühle?”

Susann blickt ernst zu Boden.

“Ich weiß nicht, warum ich sowas mache. Irgendwie bin ich dann nicht mehr ich selbst. Ich will versuchen, sowas nicht mehr zu machen”, verspricht sie.

Wir lösen die Runde auf und lassen den Abend mit einem Abendessen ausklingen. Die Stimmung ist entspannt.

Es ist unglaublich. Das Jugendamt kann nicht helfen, wenn Pflegeeltern in einer ausweglosen Situation sind. Die Sachbearbeiter handeln in einer Weise, die sie wohl professionell nennen und dies auch von Pflegeeltern erwarten. Tatsächlich ist diese Handlungsweise unmenschlich. Ständig hat man das Gefühl, dass sie einem Vorwürfe machen, anstatt wirklich professionell und kreativ an der Problemlösung mitzuarbeiten.

So bleibt uns Pflegeeltern nur, die Situation erfahrbar zu machen, zu lösen und richtig einzuschätzen, um sie dann zu entschärfen. Es nützt jedoch nichts, nicht an die Wurzel des Problems zu gehen. Das würde bedeuten, Susanns Probleme endlich grundlegend aufzuarbeiten und uns Möglichkeiten an die Hand zu geben, damit umzugehen. Das Jugendamt, befürchte ich, übt sich ausschließlich in Krisenmanagement, ohne die Grundlagen des Verhaltens traumatisierter Pflegekinder wirklich angehen zu wollen.

Wieder einmal fühlen wir uns allein gelassen.

Die Therapeutin will nicht… 27. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Traumatisierte Pflegekinder brauchen eine Therapie. Es darf jedoch nicht jede x-beliebige Therapie sein. Sie soll dem Kind helfen, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten oder zumindest damit leben zu können. Pflegeeltern haben es aber häufig sehr schwer, das Kind in eine Therapie ihrer Wahl unterzubringen. Meist sind sie froh, dass überhaupt ein Therapieplatz zu bekommen ist.

Wir sind heute zu einem Elterngespräch bei Frau Dr. Meyer-Frankenfeldt, Susanns  Therapeutin. Sie ist eine ältere Frau mit leiser Stimme und immer wohl gewählten Worten. Ihr Therapieansatz ist tiefenpsychologisch orientiert. Sie malt und spielt mit Susann und redet währenddessen mit ihr. Wir möchten sie heute darauf ansprechen, Susann einem Traumatherapeuten vorzustellen.

“Susann ist ein hoch traumatisiertes Kind”, erklärt uns Frau Meyer-Frankenfeldt mit betont ruhiger Stimme. “Was sie in ihrer Kindheit erlitten hat, können wir alle uns nicht vorstellen. Es hat Auswirkungen auf die Funktionsfähigleit ihres Gehirns gehabt. Sie können sie nicht mit denselben Maßstäben messen wie jedes andere Kind.”

“Susann hat uns erzählt, dass sie in den Therapiesitzungen spielt und malt. Welchen Stellenwert hat das im Rahmen der Therapie?”, möchte ich wissen.

“Susann kann währenddessen frei assoziieren und gibt mir einen Einblick in ihre frühkindlichen Erlebnisse, aber auch in ihre Bindungen an den leiblichen Vater und an sie”, erklärt die Therapeutin mir. “Ihr fehlt natürlich ihre Mutter, zu der sie überhaupt keinen Kontakt mehr hat, aber sie überträgt ihre schlechten Erfahrungen auf ihre Pflegemutter. Der Vater spielt überhaupt keine Rolle mehr. Wenn überhaupt, dann existiert dort nur eine Angstbindung.”

“Wie steht es denn mit der Bindung an uns als Pflegefamilie”, fragt Ruth.

“Susann ist ganz eng an sie gebunden”, antwortet sie. “Besonders ist sie an den Pflegevater gebunden. Mit Ihnen als Pflegemutter verbindet sie eine Übertragungsbindung. Sie projiziert ihre ganzen frühkindlichen Erfahrungen der Vernachlässigung durch ihre leibliche Mutter auf Sie”, wendet sie sich an Ruth. “Sie müssen da sehr stark sein und beziehen Sie Susanns Aggressionen und Angriffe bloß nicht auf Ihre Person. Sie meint Sie damit gar nicht, sondern eigentlich ihre eigene Mutter.”

“Wie glauben Sie, Frau Meyer-Frankenfeldt, dass unsere Rolle bei der Verbesserung von Susanns Situation ist und wie ist Ihre Rolle?”, gehe ich jetzt etwas tiefer mit meinen Fragen. “Wie können wir alle gemeinsam daran wirken, Susann auf einen besseren Weg zu bringen, damit sie sich zu einem ganz normalen Mädchen entwickelt?”

“Sie müssen sich von dem Gedanken trennen, dass Susann jemals zu einem normalen Mädchen wird”, nimmt sie uns die Illusion. “Susann wird immer an ihrer Vergangenheit leiden. Es ist schon viel, wenn wir sie in ihrem jetzigen Zustand halten können. Ich rate Ihnen, ihr einfach viel Liebe und Verständnis entgegen zu bringen. Mehr können Sie nicht tun, und das ist schon viel. Wer weiß, wo sie ohne Sie sonst wäre.”

Jetzt komme ich zum Eigentlichen. “Wir haben uns informiert und erfahren, dass es Therapien gibt, die das Trauma von Anbeginn aufarbeiten”, erkläre ich, “und das der Einsatz von EMDR dabei besonders hilfreich ist.”

“Ach wissen Sie”, wehrt die Therapeutin ab, “das würde bedeuten, dass wir diese jetzt laufende Therapie sehr behutsam beenden müssten. Dann müsste Susann sich auf einen anderen Therapeuten einlassen, und es ist nicht gesagt, dass das funktioniert. Ein anderer Therapeut müsste sie auch zuerst kennen lernen und über eine lange Zeit hinweg ihr Vertrauen erlangen. Dann erst könnte er richtig anfangen zu arbeiten. Es bedeutet ja auch einen erneuten Bindungsabbruch für Susann und die Etablierung einer neuen Bindung. Auch ein Traumatherapeut arbeitet auf der selben Basis wie ich, es gibt da kaum einen Unterschied. Susann ist multipel traumatisiert. Also müsste ein Traumatherapeut auch erst damit beginnen, ein Trauma zu bearbeiten, bevor er mit dem nächsten beginnt. Ich halte das für eine ganz schlechte Idee.”

“Würden Sie also nicht zustimmen, wenn wir Susann einem Traumatherapeuten vorstellen würden”, komme ich jetzt zum Knackpunkt.

“Wir sollten noch einmal in Ruhe darüber sprechen”, windet sie sich. “Man darf solche weit reichenden Entscheidungen nicht zu voreilig fällen. Wir sind sowieso am Ende der Zeit. Lassen Sie uns das nächste Mal darüber sprechen.”

Eine höfliche Verabschiedung und wir haben wider keine klare Aussage.

Irgendwie haben wir viel erfahren, was wir schon wussten. Wir wissen, dass Susann multipel traumatisiert ist. Wir wissen, dass sie die Erfahrungen mit der Vernachlässigung ihrer leiblichen Mutter auf Ruth überträgt. Aber wir wollen uns nicht damit abfinden, dass Susann nicht zu helfen ist. Wir wollen eine Therapie nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft.

Frau Meyer-Frankenfeldt führt Argumente ins Feld, die zumindest bedenkenswert sind. Der Verlust der Bindung zur Therapeutin ist ebenso ein gewichtiger Grund wie die zu erwartenden Schwierigkeiten einer neuen Therapie. Das all das Zeit kostet, ist auch uns klar.

Aber warum kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass Frau Meyer-Frankenfeldt für ihre Leistungen redet und andere schlecht macht? Warum beschleicht mich das Gefühl, dass es ihr um das Geld geht, dass sie verlieren würde, wenn sie Susann als Patientin verlieren würde? Dass ihre Mal- und Spieltherapie bei Susann nichts fruchtet, außer den Status Quo zu erhalten, also keine wirkliche Besserung bewirkt? Sie hat mich nicht wirklich überzeugt.

Gruselparty 24. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegeeltern machen immer neue Erfahrungen mit ihren Pflegekindern. Die Kinder reagieren manchmal so, wie es niemand sich hätte vorstellen können. Vor allem finden sie keinen Anlass und keinen Grund dafür.

Es ist zehn Uhr abends. Die Kinder sind im Bett. Ab und zu gehe ich abends in die obere Etage, um zu sehen, ob mit Jeannett alles in Ordnung ist. So auch heute.

Es ist alles still. Ich blicke leise und verstohlen in Jeannetts Zimmer und erwarte sie schlafend im Bett. Aber ein Lichtschein irritiert mich. Als ich die Bettdecke zurückschlage, läuft mir angesichts des Bildes, das sich mit bietet, ein Schauer über den Rücken.

Jeannett lieg in ihrem Bett, bekleidet mit ihrer Trainingshose und einem Pullover. Die Heizung glüht. In der einen Hand hat sie ein Glas Rübensaft, in der anderen einen Löffel. Sie hat aus unseren Zeltsachen für den Urlaub den Spannungsadapter, der eigentlich für die Gefrierbox gedacht ist und die mobile Videoanlage geholt. Sie sieht eine Harry-Potter-DVD, die sie einfach ohne zu fragen aus Hameln von Schwägerin Sarah mitgenommen hat.

“Jeannett, was machst du da?”, frage ich ungläubig.

Keine Antwort. Sie schaltet die Videoanlage ab, gibt mir wortlos die DVD und legt sich wieder ins Bett. Ihr starrer Blick, die zu Schlitzen verzogenen Augen signalisieren mir: Sie ist jetzt nicht erreichbar.

Es ist mir unheimlich. Wie soll ich reagieren? Da klettert sie die Dachleiter hinauf, holt Videoanlage und Adapter, geht in den Keller, holt aus dem Vorratsschrank das Glas mit dem Rübensirup, holt sich aus der Küche einen Löffel und inszeniert diese Szene.

Was geht in diesem Kind vor??? Ist das noch normal??

Sehe ich Gespenster oder sehe ich ein Kind mit zwei kontrastierenden Persönlichkeitsanteilen? Das ist nicht die Jeannett, die ich kenne, die kuschelt und mich “Papa” nennt. Diese Persönlichkeit kennt keine Regeln und inszeniert Situationen, die uns unheimlich vorkommen. Ob sie damit gerechnet hat, dass sie entdeckt wird? Oder ob sie es sogar provoziert hat?

Alles ist für mich inzwischen vorstellbar.

Hilfeplangespräch 20. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Für Pflegeeltern und Pflegekinder sind Hilfeplangespräche wichtige Instrumente, um festzulegen, wie Pflegekinder künftig gefördert werden sollen und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Idealerweise setzen sich alle Verfahrensbeteiligten an einen Tisch und besprechen die weiteren Erfordernisse.

Meist aber scheitert dieses Vorhaben schon daran, dass die leiblichen Eltern nicht daran teilnehmen oder die Zusammenarbeit verweigern. Als zweite Partei hat das Jugendamt das Ziel, möglichst ohne Komplikationen zu den beabsichtigten Lösungen zu kommen. Die Pflegeeltern, als diejenigen, die ihre Pflegekinder am besten kennen, sollten eigentlich den größten Einfluss ausüben. Häufig werden sie jedoch von den Jugendamtssachbearbeitern mehr als deren Erfüllungsgehilfen denn als kompetente, ernst zu nehmende Gleichberechtigte betrachtet.

Heute ist Hilfeplangespräch. Frau Schilling, unsere Sachbearbeiterin, hat es auf 12 Uhr angesetzt. Es ist uns nur schwer gelungen, uns von unserer Arbeit frei stellen zu lassen. Die Kinder sind im Hort.

Kaum dass wir angekommen sind, gibt es den ersten Konflikt.

Nach einer unterkühlten Begrüßung fragt Frau Schilling “Wo sind denn die Kinder?”

“Die sind im Hort”, antwortet Ruth selbstbewusst.

“Aber die müssen Sie doch zu einem Hilfeplangespräch mitbringen!”, ereifert sich die Sachbearbeiterin.

“Wer sagt denn sowas?”, antworte ich. “Wollen sie die Kinder all das, was wir hier an Defiziten und weiterem Vorgehen besprechen, mitbekommen lassen?”

“Das ist hier Vorschrift!”, gibt Frau Schilling spitz zurück. “Und sie haben sich daran zu halten!”

“Ein solches Vorgehen können wir nicht billigen”, erwidere ich. “Wollen Sie das Risiko einer Retraumatisierung eingehen? Wollen Sie die Verantwortung dafür übernehmen?”

Frau Schillings Blick verfinstert sich.

“Wo ist eigentlich der Kindesvater?”, will ich nun wissen.

“Er verspätet sich etwas. Ich werde ihn jetzt vom Bahnhof abholen. Er findet sonst nicht hierher.”

So ist das. Alles für die leiblichen Eltern, die Pflegeeltern zählen nicht.

Eine halbe Stunde später kehren beide zurück. Ich beginne mit meinem Bericht über die Entwicklung der beiden Mädchen. Die Rede ist von Jeannetts kieferorthopädischer Behandlung, die sie wohl nicht durchhalten wird, von Diebstahl, mangelnder Hygiene, von Rückschritten im Sozialverhalten. Wir fordern eine Supervision, die Einleitung einer Traumatherapie für beide und die Einrichtung einer Familienhilfe. Wir wollen die Aussetzung der Besuchskontakte, die die Kinder immer wieder verstören.

Und tatsächlich: Die Unterstützung durch eine Familienhelferin wird im Hilfeplan festgeschrieben, es wird die vorübergehende Aussetzung der Besuchskontakte vereinbart.

Zum Schluss berichte ich über meine Bemühungen, für beide Kinder eine Rente nach Opferentschädigungsgesetz zu beantragen. Grundlage dafür ist das weihnachtliche Ereignis, bei dem die Kinder eine Straftat in der elterlichen Wohnung miterleben mussten. Dafür muss eine Untersuchung stattfinden und der sorgeberechtigte Vater zustimmen. Ich habe eine Einverständniserklärung vorbereitet, schiebe sie über den Tisch und bitte um eine Unterschrift. Eine kurze Handbewegung und ich habe die Erklärung in der Tasche.

Warum aber muss es immer wieder Stress um die Teilnahme von Pflegekindern am Hilfeplangespräch geben? Paula Zwernemann (1) sagt dazu:

Bei einem Kind ist ein Hilfeplangespräch in seinem Beisein aus fachlicher Sicht grundsätzlich in Frage zu stellen. Es sitzt da verloren zwischen all den Erwachsenen und muss hören, wo es ihm noch überall fehlt und was es welcher Zeit zu lernen hat.“ 

Und besonders hervorgehoben:

„Es ist ein Kunstfehler, die Teilnahme des Kindes am Hilfeplangespräch             wortwörtlich zu nehmen. Das Kind hat ein Recht auf Schonung. Leider wird             hier oft wenig Sensibilität gezeigt.“ 

Erst später wird der Wunsch bei den Kindern laut werden, mitzureden und das eigene Schicksal mitzubestimmen. Bis dahin ist es sinnvoller, dass der Sachbearbeiter sich z.B. im Rahmen eines Hausbesuches einen Überblick über die Entwicklung der Pflegekinder macht und sie nach ihren Wünschen und Vorstellungen befragt. Diese Erkenntnis kann dann mit in das Hilfeplangespräch einfließen. Ebenso wäre es möglich, die Kinder nur an einem Teil des Hilfeplangespräches teilnehmen zu lassen und ihnen den fachlichen Teil zu ersparen.

Wieder einmal fühlen wir uns als Erfüllungsgehilfen einer inkompetenten, fachlich und emotional überforderten Jugendamtsmitarbeiterin. Ihr einziges Argument sind die Bestimmungen und internen Absprachen, die sie so gut wie eben möglich erfüllen will. Hier geht es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die Rechte der leiblichen Eltern, die ihre Kinder jahrelang vernachlässigt und missbraucht haben.

Es ist eine traurige Veranstaltung geworden. Immerhin müssen wir aber zugeben, dass wir eine Menge erreicht haben.

(1) Zwernemann, P., Praxisbuch Pflegekinderwesen, Ratingen, 2007

Grenzüberschreitungen 18. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegeeltern müssen sich darauf einstellen, dass traumatisierte Pflegekinder immer wieder Grenzen überschreiten. Zwar wird während einer Eingewöhnungsphase nichts passieren, was darauf schließen lässt. Diese Phase kann alles von ein, zwei Monaten bis zu mehreren Jahren dauern. Dann jedoch geht´s zur Sache.

Wir haben die Eingewöhnungsphase lange hinter uns und befinden uns mitten in der Phase der Austestung. In Susanns Zimmer finden wir leere Packungen von Puderzucker und Joghurt, Keksen und Bonbons, bei Jeannett Löffel und Bonbonpapier.

Meine Schwägerin Sarah ruft aus Hameln an, wo wir das letzte Wochenende verbracht haben. Sie hat Scherben auf dem Boden des Zimmers gefunden, in dem die Mädchen geschafen hatten, die Luftmatratze war mit einer klebrigen Flüssigkeit verschmutzt. Einige Waggons lagen unter der Modelleisenbahn, sie waren offensichtlich herabgestürzt.

Nach dem Abendessen beschreibe ich den Kindern die Situation und will wissen, was da los war. Jeannett stemmt die Hände ins Gesicht und macht damit klar, dass wir von ihr nichts erfahren werden.

Nach einer Weile bricht Susann das Schweigen.

“Im Zimmer ist uns das Schüttelglas runtergefallen, weißt du, das mit dem Schneemann und den Schneeflocken. Da ist es kaputt gegangen. Die Flüssigkeit da drin ist ganz süß. Es tut mir leid.”

“Und das mit der elektrischen Eisenbahn war Jeannett. Sie hat die Züge immer schneller fahren lassen, bis sie herabgestürzt sind.”

Jeannetts Blick verfinstert sich. “Zicke! Petze!” zischt sie zwischen ihren Fäusten hervor.

“Sowas will eine Schwester sein!”

“Also stimmt alles so”, will ich von Jeannett wissen. Gesenkter Blick. Fäuste im Gesicht. Keine Reaktion.

Es geht uns nicht darum, auf Ereignissen herumzureiten, die eigentlich die Diskussion nicht wert sind. Aber die Kinder sollen lernen, offen und ehrlich mit der Wahrheit umzugehen und eventuell auch die Konsequenzen ziehen.

Das ist von Kindern, die in ihrer Kindheit keine moralischen Werte beigebracht bekommen haben, die vielleicht eher benutzt wurden, um die Wahrheit zu verheimlichen, sehr viel verlangt. Es widerspricht all ihren bisherigen Erfahrungen. Aber dennoch gibt es allgemein gültige, gesellschaftlich akzeptierte oder eben nicht akzeptierte Verhaltensnormen, an denen auch Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen gemessen werden.

Deshalb wollen wir nicht darauf verzichten, unseren Mädchen deutlich zu machen, was akzeptiert ist und was nicht, was Ablehnung oder Enttäuschung hervorruft. Alles andere wäre unredlich, meinen wir.

Der Abschied 16. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Die Wende.
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Kann nichts mehr sehn

Tränen in den Augen

Kann es nicht glauben

Alles hat sich gedreht

Bin fast dabei, aufzugeben

Hoffe weiter

dass immer was geht

Wir war´n für dich da

wären für dich gestorben

Haben die Wahrheit verleugnet

Dir Vertrauen geliehn

Was haben wir versucht, alles abzuwenden

alles zu spät

aber nichts zu früh.

Du hast die Menschen für dich eingenommen

hast mit deinem Lächeln alle betört

Konntest sie gewinnen, aber nicht halten

Als du es merktest, war´s viel zu spät.

Kann mir nur wünschen, dass es dir gut geht

an jenem Ort, den du dir gewählt

Hoffe, die Menschen werden dich gut behandeln

Mach deinen Weg, er ist vielleicht schwer.

Geh meinen Weg,

auch wenn es mit schwer fällt,

vieles war schön,

manches zu schwer

Noch kann ich´s nicht fassen

Glaub es wär ein Alptraum

Ich muss es begreifen

Vielleicht ist nichts zu spät

Warum zerstört sie alles? 13. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegeeltern stehen oft vor Rätseln. Sie versuchen ihre traumatisierten Pflegekinder zu verstehen, aber es gelingt ihnen nicht. Oft bleibt nur Entsetzen.

Wir haben eine Absprache mit der Schule. Susann hat drei Federtaschen, eine für die Schule, die immer dort bleibt. Eine komplette Federtasche bleibt im Hort. Die dritte bleibt immer zu Hause.

Heute entdecken wir, dass Susann alle drei in ihrem Zimmer verstreut hat. Es ist eine zeitraubende Arbeit, dass sie den Inhalt für alle drei Taschen zusammen sucht und ihn in die Federtaschen sortiert.

Jeannett bittet uns in ihr Zimmer. Wir sollen uns ihren Schreibtischstuhl ansehen. Ein großer Schnitt befindet sich quer über der Polsterfläche, die Polsterung tritt aus. Es besteht kein Zweifel daran, dass es Susanns Werk war.

In Susanns Zimmer finden wir das Kissen in Herzform mit zwei Mäusen, das sie zu Weihnachten geschenkt bekommen hat und das sie so geliebt hat. Es ist aufgeschnitten, der Inhalt verstreut über den Boden. Wir sind traurig und entsetzt.

Was geht in diesem Kind vor? Warum zerstört sie nicht nur Dinge, die anderen Familienmitgliedern gehören, warum zerstört sie hemmungslos auch Dinge, die sie liebt, die ihr etwas bedeuten? Wir sind fassungslos.

Dass sie den Schreibtischstuhl ihrer Schwester beschädigt, ließe sich noch mit der überbordenden Konkurrenz zwischen den Geschwistern erklären. Aber das Herzkissen, so misshandelt… Es scheint, dass sie alles, was ihr etwas bedeutet, kaputt machen muss. Wie riesig und übermächtig muss ihre Wut sein, Wut gegen sich selbst und ihre Umwelt, dass sie zu solchen Taten in der Lage ist? Was muss sich in solchen Augenblicken der blindwütigen Zerstörung in ihrem Kopf abspielen? Wer kann es ermessen? Der Gedanke daran treibt mir die Tränen in die Augen.

Es beschleicht uns der Gedanke, dass wir nichts ausrichten können. Susann können wir für ihr Verhalten offensichtlich nicht verantwortlich machen. Erzieherisch können wir nichts ausrichten. Es ist ein Fall für einen Psychotherapeuten. Wir kommen an unsere Grenzen.

Tags darauf finden wir Susanns Namenszug mit roter Kreide quer über die hintere Hausmauer geschrieben. Wir verpflichten sie, die Schmiererei mit Wasser zu beseitigen.

Wir sind uns darüber im Klaren, was das bedeutet: Ich bin hier, ich will auch hier bleiben. Ich will die ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich will nicht immer in Jeannets Schatten stehen, die sich immer in den Mittelpunkt drängt. Helft mir!

Wir fragen uns, was wir noch tun können. Wie sollen wir auf diesen Hilferuf reagieren? Mehr Verständnis! Mehr Liebe! Wird das wirklich ausreichen?

Therapie contra Schule? 7. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Traumatisierte Pflegekinder haben viele Pflichten. Sie sollen in der Schule so funktionieren wie jedes andere Kind auch. Aber sie können es nur mit Unterstützung. Daneben sollen sie ihr Trauma und ihre belastenden Erlebnisse aus frühester Kindheit aufarbeiten. Das kostet Zeit.

Susann hat dreimal pro Woche psychotherapeutische Sitzungen. An drei Tagen kommt sie aus der Schule und fährt mit Bus und Bahn zur Therapeutin. Im Winter bringe ich sie und hole sie wieder ab. Wenn wir zu Hause sind, ist es meist ziemlich spät und sie ist meist nicht mehr in der Lage, irgend welche Hausaufgaben zu bewältigen. Das ist besonders schwierig, wenn in der Schule die Hausaufgabenstunden entfallen, weil Lehrer für Vertretungsunterricht eingesetzt werden.

Heute haben wir mehrere Schulprobleme. Susann bekommt einen vollen neuen Pinselsatz für den Kunstunterricht, weil der, den sie zum Anfang des Schuljahres bekommen hat, spurlos verschwunden ist.

Das Arbeitsheft für den Deutschunterricht hat Susann in der Schule gelassen. Sie kann die Hausaufgaben nicht machen.Außerdem fehlen noch zwei Hausaufgaben. Sie muss sie nachholen.

So einfach ist das aber nicht. Um sieben Uhr kommt sie von der Therapie, völlig ausgelaugt. Die Therapie verlangt ihr alles ab. Sie dreht das Unterste zuoberst. Immer braucht sie eine Stunde mindestens, um sich zu erholen, schläft meist auf dem Rückweg im Auto ein. An Schulaufgaben ist nicht mehr zu denken. Also gebe ich ihr ein Entschuldigungsschreiben mit, das die Situation schildert.

“Wissen Sie”, hat mir die Klassenlehrerin neulich verdeutlicht, “bei uns wird jeder Schüler gleich behandelt. Jeder muss die Anforderungen der Klassenstufe erbringen, wenn er das Klassenziel erreichen will. Wir können da keine Ausnahme machen.”

Schule ist grausam und sie bereitet auf die Grausamkeiten des Lebens vor. Wer nicht ins Schema passt, fällt raus. Zwar gibt es Förderprogramme für alles Mögliche, aber diese beseitigen nicht die Ungleichheiten in der sozialen Herkunft. Kinder wie unsere, die in ihrer Kindheit um Leib und Leben fürchten musste und die ständig Todesänsgte ausstanden, sind in der Schule von vornherein benachteiligt und damit ihrer Zukunftschancen beraubt. Sie haben einfach nicht dieselben Voraussetzungen wie Kinder, die unter friedlichen Bedingungen aufgewachsen sind un im Elternhaus gefördert worden sind.

Was ist für ein traumatisiertes Pflegekind wichtiger? In der Schule mitzukommen und erfolgreich zu sein? Das hieße, dass die Voraussetzungen dafür erfüllt wären: eine unproblematische Herkunft, die Förderung im Elternhaus, eine kindliche Unbeschwertheit. Von diesen Voraussetzungen sind traumatisierte Kinder weit entfernt.

Oder ist es wichtiger,die Zeit, die eigentlich für die Schule zur Verfügung stehen müsste, in therapeutische Behandlungen zu investieren? Es gibt eigentlich keine Frage: Die Therapie soll die traumatischen Erfahrungen bearbeiten und die Grundlage für einen erfolgreichen Schulbesuch legen. Sie ist daher vorrangig. Jedoch scheint es uns so, dass die Therapie die Schule eher behindert, weil sie so zeitintensiv ist.

Was ist wichtiger? Therapie oder Schule? Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Frage falsch gestellt ist. Für ein traumatisiertes Kind, das unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung leidet, das mit Flashbacks aus der Zeit der Vernachlässigung zu kämpfen hat, sind die Bedingungen, schulische Leistungen im existierenden System zu erbringen, nicht erfüllt. Es muss möglich sein, dass diese Kinder anderen Bewertungsmaßstäben unterliegen. Dass Lehrer, Jugendamt und Therapeuten an einen Tisch setzen und die Hilfemaßnahmen miteinander abstimmen.

Mir ist völlig klar, dass ich einem Traum nachjage. So lange Fachleute wie Therapeuten und Pädagogen sich nachweislich weigern, zusammen zu arbeiten und Institutionen und Schulabschlüsse wichtiger sind, als die bloße Kenntnisnahme von ungleichen Lernvoraussetzungen, werden die, die schon einmal Opfer waren, wieder zu Opfern gemacht. Das Helfersystem scheitert an den Bedingungen, unter denen es arbeitet.

Ein Tintenfleck und eine Wunde 6. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegeeltern stehen häufig vor Rätseln, was das Verhalten ihrer traumatisierten Pflegekinder betrifft. Was ist noch normal, was ist einfach bloß Jux und Unfug, was sind Symptome der Traumatisierung?

Heute werden wir erneut vor solche Rätsel gestellt. Wir finden, dass sich in Susanns Schlüpfer ein riesiger blauer Tintenfleck befindet. Wir finden heraus, dass sie in ihrem Zimmer aus ihrem neu angeschafften Füller die Patrone entfernt und damit durch die Gegend gespritzt hat. Darauf angesprochen, sagt sie keinen Ton.

Was ist das jetzt? Unfug, eine Dummheit oder das Symptom ihrer Traumatisierung? Es bleibt kein Einzelfall, sie wird diese Handlung später fast zwanghaft wiederholen.

Abends kommt Jeannett zu mir und zeigt mir ihren Kopf.

“Da sieh mal”, sagt sie, mir den Kopf hinhaltend. Ich kann nichts erkennen. Sie teilt ihr Haar und zeigt auf eine kleine Wunde, die offenbar geblutet hat.

“Das hat Mama gemacht!”, erklärt sie in festem Ton.

“Welche Mama”, will ich ungläubig wissen.

“Na Mama eben!”

Ruth ist gar nicht da. Sie hilft Freunden bei einem Umzug.

Und was ist das jetzt? Dissoziiert sie? Überträgt sie ihre Kindheitserlebnisse auf Ruth? Will sie sich vor mir wichtig machen? Oder kommt alles zusammen? Wenn ich doch in diesen kleinen Kopf hineinschauen könnte!

Langsam komme ich zu der Überzeugung, dass ich nicht alles verstehen können muss. Wir müssen die Kinder so nehmen, wie sie sind, mit ihren kuriosen Anwandlungen und Vorstellungen. Damit fahren wir wohl am besten.

Wieder Alltag zu Hause 5. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Normalerweise fördert Urlaub die Erholung und die hält noch eine Weile an. Man erinnert sich gern an die schönen Erlebnisse und sieht sich die Urlaubsfotos an.

In Pflegefamilien mit traumatisierten Kindern ist das anders. Der Alltag kehrt schnell zurück und die alten Verhaltensmuster und Symptome tauchen wieder auf. So auch bei uns.

Es ist morgens um sechs. Die Kinder müssen zur Schule. Susann ist nervös. Als sie meine Teekanne zum Waschbecken trägt, fällt ihr der Deckel auf den Boden und zerspringt. Susann sinkt auf den Stuhl, Tränen in den Augen.

“Du brauchst doch nicht zu weinen”, tröste ich sie. “Dann gibt es eben eine neue.”

“Papa, ich kann meinen Hosengürtel nicht finden”, kündigt sie das neue Problem an. “Und meine Zahnspange ist auch nicht mehr da.”

Ich gehe an meinen Kleiderschrank und suche nach einem passenden Gürtel. Susann strahlt wieder.

“Aber das mit der Zahnspange müssen wir heute Nachmittag auf die Reihe kriegen”, mahne ich.

Schnell einen Früchtetee und ein Marmeladenbrot und dann geht´s los zur Schule.

Alles ist vergangen, die ganzen schönen Urlaubstage. Sobald es Alltag ist, werden die Kinder nervös. Sie kriegen nichts mehr auf die Reihe. Alle alten Erinnerungen an die Kindheit kommen wieder. Und dann ist da die Angst, kein “normales Kind” zu sein.

Also stellen wir uns darauf ein, wieder zu kämpfen. Zu kämpfen gegen die Schatten der Vergangenheit, die über unserer Familie liegen.

 

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