Wer ist Schuld? 30. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Aufmerksamkeit, Jugendamt, Mittelpunkt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Reinszenierung, Schuld, traumatisierte Pflegekinder, Unterschiedlichkeit, Vergangenheit, weinerlich
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Wer ist Schuld an Susanns Situation, daran, dass sie nicht mehr bei uns bleiben konnte? Wir als Pflegeeltern? Haben wir versagt? Jeannett, weil sie darauf bestanden hat, dass ihre Schwester geht? Susann selbst wegen ihres Verhaltens?
Heute sind wir alle drei bei unserer Supervisorin, die versucht, gemeinsam mit uns diese Frage zu klären.
Jeannett erkennt, dass sie eine starke Verbindung zu Susann hat. Sie weiß auch, dass es ihre gemeinsame Vergangenheit ist, die die Situation bei uns zu Hause beeinflusst hat. Aber sie geht hart mit ihrer Schwester ins Gericht.
“Susann hätte sich ja vernünftig benehmen können. Ich habe ja auch selbst beschlossen, nicht mehr zu klauen, und das habe ich auch durchgehalten”, argumentiert sie.
“Aber vielleicht konnte Susann nicht anders?” wendet die Supervisorin vorsichtig ein.
Natürlich weiß ich, dass Susann ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen konnte. Sie hat immer geglaubt, Ruth wäre ihre Mutter und sie provoziert, sich so zu verhalten wie ihre Mutter: Schimpfen, schlagen, schließlich das Interesse verlieren.
“Nein, nein” widerspricht Jeannett mit rotem Gesicht und weit aufgerissenen Augen, “sie hat Euch bewusst provoziert und wenn sie gemerkt hat, die Methode klappt, hat sie sie immer wieder angewandt.”
Stimmt. Das ist die Reinszenierung der familiären Situation, wie sie sie kannte. Haben wir das zu spät erkannt? Warum hatten wir keine Hilfe? Warum kennt das Jugendamt in solchen Fällen nur die Beendigung des Pflegeverhältnisses?
“Sie hätte anders handeln können”, analysiert Jeannett. “Sie hat es nicht gewollt.”
Das ist hart. Jeannett entlastet uns damit, und zugleich sich selbst. Aber aus ihren Worten klingt tiefe Überzeugung.
“Würdest du denn deine Schwester besuchen wollen?” fragt die Supervisorin.
“Nein nicht im Moment”, erwidert Jeannett.
Die Supervisorin geht jetzt aufs Ganze. “Hast du Angst, dass deine Eltern sich mehr um Susann kümmern als um dich?”
“Ich habe keine Angst, aber warum soll Susann immer im Mittelpunkt stehen? Sie hat die ganze Zeit im Mittelpunkt gestanden!”
Die Supervisorin argumentiert weiter. “Susann hat dich und deine Eltern nur ein paar Stunden, aber du 365 Tage im Jahr.”
Jeannetts Gesicht verfinstert sich. Sie ist wütend. “Sie hätte uns ja auch das ganze Jahr haben können, wenn sie sich vernünftig benommen hätte.”
Jeannett setzt ihre ganze Intelligenz ein, um aus dieser Situation heraus zu kommen. Und sie tut es mit Vehemenz. Wer könnte ihren Argumenten widersprechen? Jeannett ist nicht leicht zu überzeugen, und sie ist stolz darauf.
Wie anders ist doch Susann dagegen. Sensibel, nur auf den Tag bedacht, verletzlich und manchmal weinerlich. Sie ist der ganze Gegensatz zu Jeannett.
Noch immer bin ich im Dilemma. Ich liebe beide in ihrer Unterschiedlichkeit, ich weiß, dass Susann so viel mehr Hilfe braucht als Jeannett und ich weiß, dass sie in der Einrichtung nur einen Bruchteil dieser Hilfe bekommt. Ich bin mir auch bewusst, dass unser Einfluss beschränkt ist. Aber natürlich muss ich zustimmen, wenn mir die Supervisorin sagt, dass Jeannett jetzt unsere ganze Aufmerksamkeit braucht, denn sonst hätte sie kaum einen Grund, bei uns zu bleiben. Es kostet mich all meine Kraft, eine Lösung dafür zu finden, beide Kinder unterstützen zu können.
Wir kämpfen um Pflegekinder 27. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Jugendamt, missbraucht, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegestelle, traumatisiert, verhaltensgestört, vernachlässigt, Verwaltung
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Es wird so langsam klar: Obwohl der Landkreis per Zeitungsannoncen Pflegeeltern sucht, bekommen wir keine Kinder. Sicher, wir haben einmal abgelehnt. Die Mutter hat psychische Probleme, der Junge ist stark verhaltensgestört. Sie müsste sozusagen “mitbetreut” werden. Der Wohnort liegt sechzig Kilometer von unserem entfernt.
Es reicht uns. Wir suchen andere Lösungen. Seit wir mit Sigrid, unserer ältesten Pflegetochter in diesen Kreis gekommen sind, geht es mit Frau Schilling nicht gut. Sie scheint uns nicht zu wollen.
Also wenden wir uns an das Jugendamt, das in Hamburg für uns zuständig war und uns überprüft hat:
Pflegekinder aus Hamburg nach Niedersachsen…
Sehr geehrte Frau Beltz-Grenardier,
es hat uns keine Ruhe gelassen, und so haben wir uns kundig gemacht, ob nicht auch aus Hamburg Pflegekinder nach Niedersachsen (genauer: Denkendorf) vermittelt werden könnten. Der Grund dafür ist ganz einfach: Alle bisherigen Anbahnungsphasen gestalten sich sehr aufwendig, da wir am oberen Ende des Landkreises wohnen und wir mitunter sehr weit fahren müssen, um eine Einrichtung zu erreichen. Dennoch stehen wir zur Zeit mit Frau Schilling im Jugendamt Lüneburg in Kontakt, um eine Anbahnung in einer Einrichtung in Lüneburg zu beginnen.
Mit einem Schreiben an den Senator für Jugend, Bildung und Sport, das wir Ihnen beilegen, haben wir versucht, eine Klärung zu erreichen. In der beigefügten e-mail-Antwort hat uns Herr Grenz die Voraussetzungen erläutert und uns geraten, direkt mit den Stadtteilverwaltungen Kontakt aufzunehmen.
Wir wenden uns nun an Sie als der Stelle, die sowohl derzeit unsere Eignung festgestellt hat als auch die Voraussetzungen unserer Pflegestelle kennt. Auch Frau Schilling vom jetzt zuständigen Jugendamt kennt diese Voraussetzungen. Dementsprechend sind die von Herrn Grenz genannten Bedingungen optimal erfüllt.
Wir können uns gut vorstellen, dass Kinder aus ihrer momentanen Situation in einer Großstadt herausgelöst werden müssen, um in ruhiger Atmosphäre eine positive Entwicklung zu nehmen. Wir sind unter diesen Voraussetzungen dazu bereit, weitere Pflegekinder aufzunehmen.
Zeitgleich mit diesem Schreiben werden wir Frau Schilling vom Jugendamt des Landkreises Lüneburg anschreiben und ihr die oben beschriebene Situation ebenfalls schildern. Wir würden es begrüßen, wenn beide Jugendämter in Kontakt treten, um eine Vermittlung von Pflegekindern aus Hamburg in unsere Pflegestelle zu ermöglichen.
Bitte teilen sie uns möglichst bald mit, wie sie die Chancen für die Vermittlung Hamburger Kinder in unsere Pflegestelle unter diesen Voraussetzungen sehen.
Freundliche Grüße
Es ist kaum zu fassen: In einem Land, in dem es jedes Jahr 200.000 missbrauchte, vernachlässigte Kinder gibt, müssen Pflegeeltern um Pflegekindern betteln und ihre Dienste anbieten. In eben diesem Land gelten Verwaltungsprobleme zwischen Gemeinden und Bundesländern mehr als das Wohl von Kindern, die missbraucht und vernachlässigt wurden. In eben diesem Land gibt es Fälle, in denen Kinder ihren traumatisierenden Eltern zurückgeführt werden, um das Geld für die Pflegestellen zu sparen.
Ist Deutschland ein kinderfreundliches Land?
Termin geplatzt – keine Lösung in Sicht 18. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Übergangssituation, Bezugserzieherin, Inobhutnahme, Kassenleistungen, Kieferorthopädie, Obhut, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Unverständnis, Zahnspange, Zuzahlungen
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Manchmal muss man sich fragen, ob es noch Profis gibt, oder ob wir nur noch Spielball von undurchdachten Entscheidungen sind.
Es war irgend eine Eingebung, die mich dazu bewegt hat, vorsichtshalber in der Kieferorthopädiepraxis anzurufen. Ich hatte für Freitag einen Termin für Susann gemacht, um ihre Zahnspange einzugliedern. Heute ist Mittwoch. Die Einrichtung, in der Susann lebt, weiß Bescheid.
Wir hatten ausgehandelt, dass Susann nicht nach den üblichen Zuzahlungen leisten muss. Das Jugendamt hätte sie nicht übernommen, sondern nur die Kassenleistungen. Der Sinn ist ohnehin zweifelhaft.
Als ich mich erkundige, wann ich mit Susann erscheinen sollte, herrscht zunächst Stille im Telefon. Dann:
“Wir haben keinen Termin für Susann am Freitag.”
“Wir hatten das doch aber so besprochen!”, wende ich ein.
“Mit wem haben Sie das denn besprochen?”
Ob in der Praxis auch die Putzfrau ans Telefon gehen darf?
“Da müssen wir einen neuen Termin machen, und ein Termin wird da auch nicht reichen. Es müssen mindestens zwei Termine sein, im Abstand von einer Woche.”
Offensichtlich haben die Praxismitarbeiter nicht begriffen, dass sich Susann jetzt ein paar hundert Kilometer entfernt wohnt. Großes Unverständnis, als ich einwende, ich müsste das erst mit den zuständigen Erziehern absprechen. Aber auch da gibt es Dienstpläne, die Bezugserzieherin ist nicht erreichbar und die anderen können oder wollen keine Entscheidung treffen.
Termin geplatzt und keine Lösung des Problems in Sicht.
Sicher, es ist nicht einfach, zu verstehen, was da im Moment bei uns passiert. Vor allem für Leute, die keine Vorstellung davon haben, welche Probleme eine solche Übergangssituation mit sich bringt, haben dafür auch kein Verständnis. Für sie sind das wohl alles eben chaotische Familienverhältnisse.
Uns bleibt nur eine Möglichkeit: Weiter kämpfen, alles versuchen zusammen zu führen. Dass Susanns Inobhutnahme erst der Anfang von allem ist, war mir schon immer klar.
Nicht unter dem Weihnachtsbaum!? 13. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Adventskranz, Anbahnung, Besuchskontakt, Eingewöhnung, Emotionen, Jugendamt, Kindesmutter, Kindeswohl, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegschaft, Plätzchen, Tannenbaum, Vermittlungsversuche, Weihnachten
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Die Anbahnung mit unseren beiden zukünftigen Pflegekindern macht Fortschritte. Ursprünglich war ein Besuch der Kinder in Begleitung einer Erzieherin in unserem Hause geplant. Und wir sind froh darüber, dass wir die Kinder abholen dürfen, obwohl aus dienstlichen Gründen keine Erzieherin zur Begleitung zur Verfügung steht.
Es ist ein Samstag kurz vor Weihnachten. Wir backen Plätzchen, trinken Kakao und lassen die Kerzen am Adventskranz brennen. Was für eine Stimmung! So als wäre es noch nie anders gewesen. Der Geruch von Gewürzen, Tanne, Kaffee und Kakao, das Halbdunkel…
Als es so weit ist, dass sie den Heimweg antreten sollen, fragen sie uns mit erwartungsvollem Blick, ob sie nicht bei uns bleiben könnten.
Wenn wir jetzt im Heim anrufen würden, stünden die Chancen vielleicht nicht schlecht dafür, dass die beiden bei uns übernachten könnten. Aber wollen wir das wirklich? Es sind gerade drei Wochen her, dass wir uns kennen. Nach unserer Erfahrung und den Berichten anderer Pflegeeltern wissen wir, dass zu schnell entstandene Pflegeverhältnisse eben so schnell scheitern. Es braucht Zeit, um sich gegenseitig kennen zu lernen und an einander zu gewöhnen und den Alltag u gestalten. Bei unserer ersten Pflegetochter hat die Anbahnung mehrere Monate gebraucht. Und ebenso wissen wir, mit welchen Emotionen der Heilige Abend und das Weihnachtsfest behaftet ist. Was, wenn die Gefühle durchbrechen und wir die Kinder zurück bringen müssten?
Ruth formuliert es so:
Pflegekinder sind kein Weihnachtsgeschenk, die man eben mal so unter den Tannenbaum legen kann.
Also schreiben wir dem Jugendamt:
Perspektivisch stellen wir uns vor, unser Verhältnis zu den Kindern weiter zu festigen. Wir stellen uns dafür eine Phase von ein bis zwei Monaten vor. In diesem Zeitrahmen könnten Beurlaubungen aus der Einrichtung zur Eingewöhnung in unsere Familie genutzt werden. Dazu würden sich Ferienzeiträume wie die Zeit zwischen den Weihnachtsfeiertagen und dem Jahreswechsel besonders eignen. Die zwei ersten Februarwochen könnten je nach Fortschritt der Anbahnung einen Übergang in die Pflegschaft bilden. Diese Form der behutsamen Anbahnung würde für die Kinder zu einem reibungslosen Übergang in die Pflegefamilie führen, so dass die Eingewöhnung wenig Probleme verursachen würde.
Das war wohl eben so professionell wie verkehrt. Als wir uns im Heim melden, um die Besuchstermine für Weihnachten und die nächsten Monate klar zu machen, sagt uns die Heimleitung kurz angebunden, dass es keine weiteren Kontakte geben würde. Die Kindesmutter hätte der Überführung der Kinder in eine Pflegefamilie nicht zugestimmt.
Monate später erfahren wir von Pflegeeltern aus unserem Kreis, dass der Heimleitung die Anbahnung nicht schnell genug gegangen wäre und wir wohl kein Interesse an den Kindern hätten. Wir erfahren auch, dass wir nicht die ersten und letzten Vermittlungsversuche gewesen sind.
Jugendämter sind schon merkwürdige Institutionen. Sie sind ausgestattet mit einer enormen Entscheidungsmacht und zögern zugleich, Recht und Gesetz umzusetzen. Sie bestimmen über Beginn und Ende von Pflegeverhältnissen und sollen dabei das Wohl der von ihnen betreuten Kinder berücksichtigen.
In unserem Fall sind Zweifel wohl angebracht, ob die wiederholten Vermittlungsversuche den Kindern gut getan haben. Aus der Absicht, die Kinder möglichst schnell los zu werden, wurde offenbar nichts.
Übergang im Chaos 5. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Asthma, Übergang, Chaos, emotionale Bindung, Familienversicherung, gesetzlich versichert, Krankenkasse, Krankenversicherung, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, pflegeverhältnis, Zahnspange
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Susann ist keine Woche in der heilpädagogischen Einrichtung, und schon zeigen sich die ersten Schwierigkeiten. Der Übergang scheint nicht so einfach wie gedacht zu verlaufen.
Wer ist beispielsweise für die Krankenversicherung zuständig? Da sie nicht mehr bei uns wohnt und nicht mehr in unseren Haushalt gehört, ist sie bei uns auch nicht mehr krankenversichert. Wie die Einrichtung wohl jetzt mit Arztbesuchen verfährt?
Aus der Erfahrung wissen wir, dass solche Unklarheiten zu sehr peinlichen Situationen führen können. So kam es nur durch Zufall heraus, dass Susann schon einmal nicht versichert war. Damals war sie bei ihrem Vater versichert. Bei einem Anruf bei der Krankenkasse stellte sich heraus, dass diese Susann als Familienversicherte nicht mehr geführt wurde. Der Grund lag darin, dass der Vater eine Haftstrafe verbüßte und somit nicht mehr gesetzlich, sondern über den öffentlichen Dienst versichert war.
Glücklicherweise hat meine Krankenversicherung sehr flexibel reagiert und Susann in meine Familienversicherung aufgenommen. Susann war damit auch rückwirkend für alle medizinischen Leistungen versichert.
Die Krankenkasse sagt mir auch, dass das Programm für Susanns chronische Asthmaerkrankung nicht mehr fortgesetzt werden kann, da sich vor Ort kein Arzt befindet, der das Programm fortführt.
Die Kieferorthopädische Praxis ist irritiert von Susanns Umzug. Die Zahnärztin schlägt vor, die bereits angefertigte Zahnspange auch hier bei uns einsetzen zu lassen. Wir vereinbaren einen Termin zum Einsetzen der Zahnspange in einer Woche. Susann muss dafür herkommen. Das bedeutet zwei Stunden Zugfahrt.
Für uns ist es immer wieder unfassbar, wie wenig Institutionen über Pflegefamilien wissen, wie sie Pflegeverhältnisse einordnen sollen und wie damit zu verfahren ist. Zuweilen schlägt uns blankes Unverständnis entgegen.
Pflegeeltern suchen Pflegekinder 2. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Jugendamt, Kinderheim, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Plattenbauten, richtige Eltern
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Es ist alles im Reinen. Unser Haus ist fertig, wir bewohnen es schon seit ein paar Jahren, zusammen mit unserer ältesten Pflegetochter. Nun soll es passieren. Sigrid, unsere Pflegetocher, wünscht sich Geschwister. Und wir haben reichlich Platz und Energie.
Das Jugendamt sieht das leider nicht so. Die Sachbearbeiterin, Frau Schilling, hält uns offensichtlich für alt. Dennoch hat sie uns zwei Kinder in Aussicht gestellt. Also beginnen wir die Anbahnung.
Als wir zum Kinderheim kommen, kommt uns Frau Schilling schon mit sauertöpfischer Mine entgegen.
“Die Kinder wollen niemanden sehen”, erklärt sie kurz angebunden und tritt den Heimweg an. Aber so schnell geben wir nicht auf. Ein Mädchen und ein Junge, von der alkoholabhängigen Mutter vernachlässigt, aber offen und freundlich, warten auf uns. Wir nehmen am Abendbrot teil und Ruth setzt ihre gesamten beruflichen Fähigkeiten ein, spielt mit ihnen und macht Scherze. Die Erzieher sind freundlich und unterstützen uns. Es wird ein schöner Nachmittag. Wir haben ein gutes Gefühl.
Der nächste Besuch ist als Spaziergang geplant. Die Kids zeigen uns ein Wohngebiet der Stadt. Für sie scheint es ganz normal, was sie sehen. Wir sind entsetzt. Plattenbauten, die modernisiert werden, die Menschen stehen vor den Toilettencontainern auf der Straße Schlange. Wie können Menschen unter solchen Umständen leben, fragen wir uns.
Auf unserem Weg schließt sich ein kleiner Junge uns an. Er hat wohl bemerkt, als wir auf dem Spielplatz herum tollen, dass wir nie die richtigen Eltern sein können. Wir benehmen uns nicht wie “richtige” Eltern. Wir schimpfen nicht, wir gehen mit Kindern spazieren scherzen – so etwas kommt in seiner Familie wohl nicht vor. Auf dem Weg zum Kinderheim können wir ihm nur mit Mühe erklären, dass er nicht mitkommen kann und wir ihn nicht mitnehmen können.
Was für ein Tag! Schon stellen wir uns vor, was wir mit den beiden unternehmen, wie wir eine Familie werden, welche Zimmer sie bewohnen… Wir sind erfüllt von dem Gedanken, den beiden Gutes zu tun.