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Der Wendepunkt 20. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Wende.
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Sonntag. Wie die meisten Sonntage, mit gemütlichem Frühstück am Küchentisch mit Susann und Jeannett. Die Wochenplanung ist gemacht. Wir hoffen, dass wir das Wochenende ohne Stress und Auseinandersetzungen beschließen können, nachdem der gestrige Tag ruhig verlief. Dennoch ist alles vorbereitet. Susanns Kleidung ist zum großen Teil in Kisten verpackt, um zu verhindern, dass sie sie wieder in ihrem Zimmer auf dem Fußboden verteilt oder zerreißt oder zerschneidet. Nächste Woche muss etwas passieren. Nur weiß ich nicht, was. Alle meine Bemühungen sind gescheitert. Es gibt keine Möglichkeiten mehr, Susann zu helfen. Zwei Kliniken habe ich angerufen, die mit traumatisierten Kindern arbeiten. Sie können Susann nicht aufnehmen, weil sie erstens ausgelastet sind und zweitens wir nicht in ihrem Versorgungsgebiet liegen. Für uns zuständig ist eine Klinik, die nur eine allgemeine psychotherapeutische Abteilung betreibt; kein Wort von Traumatherapie. Das geht gar nicht.

Die andere Möglichkeit wäre, Susann in einer Wohngruppe unterzubringen, die therapeutisch orientiert ist und Susann zunächst erst einmal helfen könnte, sich selbst zu finden und mit ihren vielfältigen seelischen Verletzungen zurecht zu kommen. Jahrelange tiefenpsychologische Therapie hat nichts gefruchtet. Susann ist jetzt zwölf und am Anfang der Pubertät. Aber: keine Chance. Alle verfügbaren Wohngruppen im Umkreis sind voll. Auch nehmen sie mich als Pflegevater nicht richtig ernst, einige Träger bestehen auf einer Anfrage durch das Jugendamt.

Da geschieht es. Wir bitten Susann, den Tisch abzuräumen. „Nein, mach ich nicht. Warum denn?“ Noch ein Versuch. Dann geschieht es. Susann schreit, tobt, „Ihr seid so gemein, so fies.“ Dann verstummt sie, sitzt am Tisch und ist nicht mehr ansprechbar. Ruth, meine Frau und Jeannett, ihre Schwester, zittern und weinen. Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ich weiß genau um Susanns Probleme, ihre multiple Persönlichkeit und weiß, eine halbe Stunde später kann sie das liebste, anhänglichste Mädchen sein. Aber die Zeit zwischen den Aggressionsschüben verringert sich beständig und macht unsere Familie kaputt. Erklärungen, die ich für Susanns Verhalten kenne, nutzen nicht mehr. Wir fühlen uns von allen verlassen in diesem Chaos. Etwas muss geschehen.

Als Susann in ihr Zimmer verschwindet, die Tür zuknallt, dass sie fast aus den Angeln fällt und laut schreit und weint, nehme ich die Gelegenheit wahr und hole Ruth und Jeannett am Küchentisch zusammen. Jeannett ist aufgelöst. Mit finsterer Miene und tränenerstickter Stimme flüstert sie leise: „Wenn die nicht geht, gehe ich.“

Wir wissen, dass das keine leere Drohung ist. Jeannett hat schon seit längerem beschlossen, sich ihr eigenes Leben aufzubauen und mit uns zusammen zu arbeiten. Seit ich es geschafft habe, sie an einer der letzten Gesamtschulen unterzubringen, zeigt sie Engagement und ist sehr vernünftig geworden, fast zu vernünftig. Traumatisierte Kinder nehmen häufig ihr Schicksal selbst in die Hand und wirken dabei sehr erwachsen. Besonders dann, wenn sie, wie Jeannett, jahrelang für ihre Geschwister sorgen mussten, als ihre Eltern nicht für sie da waren und sie vernachlässigten.

Etwas muss geschehen. Wir beschließen, dass wir uns von Susann trennen müssen, um uns selbst zu retten. Wir wollen sie noch heute in eine Krisengruppe des örtlichen Kinderheimes bringen. Wir brauchen Entlastung, damit wir bestehen können.

Also rufe ich, wie letzte Woche schon, die Kindernotdienstnummer an. Dies ist eine Zentrale der Feuerwehr, die den Anrufer zum örtlichen Notdienst des Landkreises weiter leitet. Wir sprechen mit der diensthabenden Sachbearbeiterin, die sich mit der Krisengruppe in Verbindung setzt. Sie ruft uns an und wir kündigen an, dass wir Susann binnen zwei Stunden abliefern werden.

Jetzt gilt es. Susann hat sich, wie zu erwarten, beruhigt. Wir bitten sie zu uns an den Küchentisch. Ich erkläre die Situation in aller Ruhe.

„Susann, du weißt, was heute passiert ist und du weißt, dass es so nicht weiter gehen kann. Es geht Jeannett schlecht, es geht uns beiden, Ruth und mir schlecht, und dir geht es auch schlecht. Wir brauchen jetzt unbedingt Abstand voneinander. Also haben wir beschlossen, dass es das beste für alle ist, wenn wir dich in die Krisengruppe des Kinderheimes bringen.“

Sie nickt mit gebeugtem Kopf.

„Wir werden jetzt die Sachen, die du brauchst, zusammen suchen, und dann fahren wir los.“

Nicken mit gebeugtem Kopf. Gespannte Blicke von Ruth und Jeannett. Nichts passiert.

„Also lasst uns anfangen.“

Ruth und Jeannett tragen die bereits gepackten Kleidungsstücke zusammen. Kisten werden gepackt. Susann sucht die Dinge zusammen, die ihr wichtig sind, während ich notwendige Dinge zusammen stelle wie den Pass, die Krankenversicherungskarte und das Asthmaspray.

Susann kommt in mein Kellerbüro. „Kannst du mir noch ein paar Urlaubsfotos von uns ausdrucken, ich möchte sie so gerne mitnehmen.“

Ich kämpfe mit den Tränen, während der Drucker rattert. Es gibt kein Zurück mehr. Aber ist die Entscheidung wirklich richtig? Haben wir uns genug Mühe gegeben? Warum bekommen wir nur Ablehnung anstatt Unterstützung? Andererseits müssen wir Jeannett schützen. Es ist alles so schlimm.

Endlich ist es so weit. Wir laden die Sachen ins Auto und fahren los. Jeannett hat für Susann eine Federtasche mit Stiften gefüllt und gibt sie ihr zusammen mit ein paar Erinnerungsstücken mit. Die Stimmung ist gelöst, fast so, als ob uns allen eine schwere Last genommen wäre.

Die Erzieherin, die für die Aufnahme verantwortlich ist, ist freundlich und verständnisvoll. Ruth, Jeannett und ich sprechen zunächst allein mit ihr und schildern ihr die Situation und Susanns Probleme. Dann kommt Susann dazu, die schon mal ihr Zimmer in Augenschein genommen hat. Sie muss jetzt ihre eigene Einweisung unterschreiben. Sie tut es, ohne mit der Wimper zu zucken. Eine kurze. herzliche Verabschiedung und wir sind wieder draußen. Zu dritt.

Der Abend verläuft gespenstisch ruhig. Jeannett zieht sich in ihr Zimmer zurück. Niemand spricht mehr über diesen Tag. Der Tag, der alles ändert. Juristisch ausgedrückt haben wir etwas getan, wogegen wir uns immer gewehrt haben. Wir haben Susann in die Obhut des Jugendamtes gegeben. Wir werden später erst begreifen, was das bedeutet. Wir haben Susann in die Obhut von Fachleuten geben müssen, in der Hoffnung, dass ihr besser geholfen werden kann. Aber wir haben ab jetzt nur noch wenig Einfluss darauf, was für Susann entschieden wird. Man wird uns noch häufig genug auf diese Tatsache verweisen.

Über diese Geschichte 20. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Wende.
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Dies ist eine Geschichte darüber, welches Schicksal manche Menschen von früh an zu ertragen haben und wie sie sich darauf einstellen. Ich habe sie “Ab jetzt vertraue ich niemandem” genannt, weil Kinder, die vernachlässigt worden sind, es schwer haben, jemals wieder jemandem zu vertrauen. Manchmal gibt es einen Punkt, an dem sie das ganz klar äußern. Das ist in dieser Geschichte geschehen.

Es ist eine Geschichte darüber, wie diejenigen, die ihnen unendliches Leid zugefügt haben, Recht bekommen und diejenigen, die versuchen, ihre Interessen zu vertreten, kämpfen müssen, um gehört zu werden und schließlich doch scheitern können. Sie ist ein Lehrstück über das Wesen der Bürokratie in Deutschland. Die Akteure sind leibliche Eltern, die in der Erziehung ihrer Kinder gescheitert sind, Pflegekinder, die durch ihre leiblichen Eltern tief verletzt worden sind und deren Pflegeeltern, die die Aufgabe haben, diese verletzten Kinder zumindest bis zu ihrer Volljährigkeit zu begleiten und die Mitarbeiter des Jugendamtes, von deren Entscheidungen das Wohl des Pflegekindes maßgeblich abhängt.

Die Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig, zeigen jedoch, dass die Vorkommnisse und Situationen in dieser Geschichte alles andere als realitätsfern sind, so unglaublich und stellenweise kurios sie sich auch anhören mögen.

Diese Geschichte enthält Anschreiben und Analysen, die fiktiv sind. Sie dienen der Darstellung des Problems, beziehen sich jedoch nicht auf real existierende Personen. Dennoch hätten sie so geschrieben werden können.

Diese Geschichte hat einen Fokuspunkt: den Wendepunkt. Von diesem aus entwickelt sich die Geschichte nach vorne und nach hinten. Wie es weiter geht, steht in der Kategorie Die Zeit danach . Die Eskalation schildert die unmittelbare Situation, die dazu geführt hat, Susann in die Obhut des Jugendamtes zu geben. Die Anbahnung fängt dort an, als die Kinder in die Pflegefamilie vermittelt werden und wie sich Pflegeeltern manchmal um Pflegekinder bemühen müssen. Hier wird geschildert, wie Pflegeeltern manchmal erst spät entdecken, wie stark ihre Pflegekinder traumatisiert sind und wie sie darauf reagieren. Der Kampf um Normalität beinhaltet alles, was wir über Jahre hinaus getan haben, von Therapien bis zum Versuch, sie in der Schule fördern zu lassen, mit allen Schwierigkeiten, die uns bereitet wurden.

Zwei Kategorien sind etwas außergewöhnlich. Zum Anfang enthält die Beschreibung des Wendepunktes und Allgemeines wie Gedichte und Geschichten. Die Analysen enthalten fachliche Ratschläge zu Einzelproblemen traumatisierter Kinder wie Grundsätze für das Zusammenleben in einer Familie oder die Auswirkung der Traumatisierung auf das Verhalten und die Leistung in der Schule.

Eine Bitte noch zum Schluss: Ich habe nichts gegen die Weiterverbreitung dieser Geschichte. Aber es steckt mein Wissen und meine Arbeit darin. Wer die Geschichte verwenden, verlinken oder zitieren möchte, erwähnt bitte die Quelle und gibt mir eine kurze Rückmeldung auf  “beratung-traumakinder(at)arcor.de”.

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