jump to navigation

Chaotische Zustände 30. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
Tags: , , ,
1 comment so far

Heute ist wieder so ein Tag. Susann verweigert alles und ist aggressiv. Sie weiß genau, wo sie uns packen kann, wie sie es anstellt, die Situation hoch zu schaukeln. Wir finden in ihrem Zimmer knietief Papier, bekritzelt, zerknüllt, mitten drin halb geleerte Quarkbecher und angebissene Stullen. Sie nimmt alles, was sie erreichen kann.

Die Situation ist chaotisch. Um ihr keine Chancen mehr zu geben, verschließen wir die Küchentür und öffnen sie nur zu den Mahlzeiten. Mein Büro ist verschlossen und meine Vorräte an Kopierpapier sind darin verborgen, ebenso wie meine Vorräte an Schreibpapier für den Schulunterricht der Kinder. Es muss immer wieder in unbeobachten Momenten geschehen.

Natürlich wissen wir, dass Kinder, die in ihrer frühesten Kindheit vernachlässigt wurden, sich Vorräte anlegen. Susanns Vorräte sind binnen einer Stunde verschwunden, wie groß sie auch immer sein mögen. Jederzeit kann sie uns fragen, ob sie das eine oder das andere haben darf. Und meistens bekommt sie es. Aber das ist uninteressant. Es scheint ihr der Kick zu fehlen, etwas Heimliches zu tun. Hat sie es getan, scheint die Verheimlichung uninteressant zu sein.

Wir können natürlich nicht alles verschließen. Der zweite Kühlschrank im Keller ist immer erreichbar. Den Vorratsschrank halten wir verschlossen. Einkäufe sind zum unplanbaren Risiko geworden.

Um zu verhindern, das Susann ihre Kleidung aus dem Schrank zerrt und bekritzelt und zerreißt, heben wir sie extra auf, so dass sie nicht selbst drankommt und teilen sie ihr zu. Ruth ist traurig und enttäuscht darüber, dass Susann die hübschen, eigens ausgesuchten Kleidungsstücke so behandelt. Schuhe sind innerhalb weniger Wochen völlig zerschlissen und unbrauchbar, daran haben wir uns gewöhnt.

Alles vergeblich. Susann geht jetzt an die Schränke im Schlafzimmer und Jeannetts Zimmer und holt sich, was sie meint, zu brauchen. Wir finden in ihrem Zimmer ein Nachthemd von Ruth und Unterhosen und einen BH von Jeannett. Wo soll das enden??

Es wird immer offensichtlicher. Susanns Zustand verschlechtert sich zusehends. Es muss eine sofortige Lösung her. Ich werde Kontakt zu Kliniken, Ärzten und Behörden aufnehmen. Wir brauchen dringend professionelle Hilfe.

Für Hilferufe nicht zuständig 26. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
Tags: , , , ,
2 comments

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie

und Psychotherapie

Dr. med.XXXXX XXXXXXXX

- Chefarzt –

nachrichtlich an:

Frau Simone Saalitz (Beistand)

Frau Gerster

Jugendamt XXXXXXXXXX

Barmer Ersatzkasse

Zweigstelle Ludwigsruh

Dringender Behandlungsbedarf unserer mehrfach traumatisierten Pflegetochter Susann Vorberger

Sehr geehrter Herr Dr. XXXXX,

wir wenden uns an Sie, weil wir dringend Hilfe für unsere 12-jährige Pflegetochter benötigen, die nunmehr seit Juni 2003 gemeinsam mit ihrer älteren Schwester in unserer Familie wohnt.

Seit ca. einem Jahr verstärken sich die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung. Sie überträgt ihre Erfahrungen mit ihrer leiblichen Mutter auf meine Frau, reagiert ihr gegenüber sehr aggressiv, reinszeniert die erlebten Situationen in unserer Familie und isoliert sich durch ihr unkontrolliertes Verhalten von unserer Familie. Die anbrechende Pubertät führt zu heftigen Aggressionsschüben. Es ist Dyskalkulie diagnostiziert worden, die Versetzung in die nächste Klasse ist gefährdet.

Gemeinsam mit dem zuständigen Jugendamt sehen wir die Notwendigkeit, Susann schnell und kompetent zu helfen. Voraussetzung für eine Diagnostik und Therapie ist für uns, dass sie von einem auf Traumatologie spezialisierten multiprofessionellen Team behandelt und betreut wird, sowie die Einbeziehung von uns als Pflegeeltern und Bezugspersonen in Entscheidungs- und Therapieprozesse. Wir halten Ihre Klinik auf Grund der Darstellung Ihrer Therapiemethoden und Ihres Behandlungskonzeptes in Ihrem Internetauftritt für besonders geeignet und würden gern persönlich mit Ihnen das notwendige weitere Vorgehen besprechen.

Die akute Krise unserer Pflegetochter macht schnelles Handeln einerseits erforderlich. Andererseits möchten wir Susann nicht in eine Einrichtung geben müssen, in der unsere intensive Einbeziehung und die Anwendung spezifischer Therapiemethoden nicht gewährleistet ist.

Wir gehen davon aus, dass unsere gesetzliche Krankenkasse die Kosten der Diagnostik und Therapie übernimmt. Darüber hinaus gehende Leistungen können durch Ansprüche nach Opferentschädigungsgesetz gedeckt werden. Gutachten nach § 35a KJHG und OEG liegen vor. Wir gehen davon aus, dass der sorgeberechtigte Kindesvater uns für unser Vorhaben zeitnah bevollmächtigt oder ggf. ihre Zustimmung gerichtlich ersetzt wird.

Wir bitten Sie, uns in dieser schwierigen Situation, die wir trotz Supervision nicht mehr lange bewältigen können, behilflich zu sein. Sie können mich per e-mail oder über 01xx-xxxxxxx erreichen. Ich würde Sie ebenfalls versuchen, in den nächsten Tagen zu erreichen, auch gern zu einem von Ihnen bestimmten Zeitpunkt.

Vielen Dank im Voraus für Ihr Verständnis und Ihre Mühe.

Freundliche Grüße

P.S.: Die Antwort erfolgte durch einen Anruf der Sekretärin des Chefarztes bei uns, in dem sie uns mitteilte, dass auf Grund der Zuständigkeit für ein Versorgungsgebiet eine Aufnahme in der XXXXX-Klinik nicht möglich sei.

P.P.S.: Wir sind entsetzt. In unserem Staat gibt es für diejenigen, denen in ihrem Leben am schlimmsten mitgespielt wurde, offensichtlich die wenigste Hilfe. Schicksale werden verwaltet, es gibt für jedes Problem eine Zuständigkeit, alles ist sozial ausgewogen. Wer kümmert sich eigentlich um den seelischen Zustand dieser verletzten Menschen? Warum wird es dem Zufall überlassen, welche Behandlung dem Traumatisierten widerfährt und ob die für das Versorgungsgebiet zuständige Klinik auf die Bedürfnisse des Einzelnen überhaupt passt? Warum darf der Traumatisierte sich nicht die neuesten, besten, effektivsten Behandlungsmethoden aussuchen? Warum gibt es so wenig Traumatherapeuten, dass diese auf Jahre hinaus ausgebucht sind? Warum gibt es immer noch Therapeuten, die EMDR und andere Traumatherapien als unwirksam darstellen können? Und warum vertrauen die Jugendämter ausgerechnet, denen, die eine Traumatherapie diskreditieren?

Die wichtigste aller Fragen lautet: Warum wird denen, die eine spezielle Therapie besonders benötigen, aber die wenigsten finanziellen Mittel haben, um sich die beste Therapie leisten zu können, die finanzielle Hilfe verweigert? Und warum dürfen Sorgeberechtigte diese Therapie durch die Verweigerung ihrer Zustimmung verhindern und erzwingen eine gerichtliche Auseinandersetzung über ihre Weigerung, deren Ausgang mehr als ungewiss ist?

Ich bin am Ende meiner Bemühungen. Das war´s für die Kliniksuche.

Der Geburtstag 26. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
Tags: , , , , ,
add a comment

Nach der Supervision fahren Ruth und ich zur Krisengruppe. Es ist ihr Geburtstag, und wir haben ihr versprochen, sie zu besuchen. Jeannett bleibt mit unserer Einzelfallhelferin zu Hause. Sie würde eine Wiederbegegnung mit ihrer Schwester noch nicht durchstehen, wohl, weil sie mit der Situation erst einmal selbst zurecht kommen muss.

Susann freut sich verhalten über die mitgebrachten Geschenke: einige neue Kleidungsstücke und ein tragbarer Radio-CD-Player. Sie hat uns schon erwartet und uns herzlich begrüßt. Wir verbringen etwa zwanzig Minuten in ihrem Zimmer. Mit uns die Gruppe verlassen will sie nicht. Sie scheint hier ihren Schutz gefunden zu haben. Vielleicht ist ihr die ganze Situation auch nur peinlich und die fühlt sich schuldig, obwohl wir ihr uns bemühen, diesen Eindruck nicht aufkommen zu lassen. Das Gespräch verläuft oberflächlich. Wie geht es Dir, hast Du schon Freunde gefunden, wie läuft´s in der Schule. Was können wir wohl auch sonst noch sagen, ohne dass es Wunden aufreißt. Susann zeigt keine Anzeichen von Enttäuschung, dass Jeannett sie heute nicht besucht. Wir erklären ihr nur, dass es Jeannett nicht gut geht.

Susann erzählt uns, dass ihre Zimmermitbewohnerin bis spät in die Nacht Jungenbesuch hat und im Zimmer raucht. Die Erzieherin hat das bemerkt und dem Treiben ein Ende gesetzt.

Bei einem Gespräch mit ihrer Bezugserzieherin stellt sich heraus, dass Susann in der Schule von einem Jungen geschlagen und leicht verletzt worden ist. Sie sei aber unauffällig und ruhig und füge sich gut in die Gruppe ein.

Auf der Heimfahrt versuchen wir, die Situation für uns klar zu kriegen. Das, was wir uns nicht gewünscht haben, ist nun eingetreten. Susann ist in der Gesellschaft von Jugendlichen, die aus unterschiedlichsten Gründen in Obhut genommen wurden, zum Teil nur wenige Tage in der Krisengruppe verbringen. Läuft da in der Schule etwas verkehrt? Geht es ihr gut? Was denkt und fühlt sie? Wir merken zum ersten Mal, dass wir nicht mehr verantwortlich sind, nicht mehr eingreifen können. Bei uns zuhause wäre ich sofort zur Schule gegangen und hätte alles geklärt. Wir sind jetzt machtlos und nicht mehr Teil der Entwicklung. Wir sind nur froh darüber, dass Susanns Bezugserzieherin sehr professionell, aber auch sensibel reagiert, auch uns gegenüber.

Was bleibt, ist ein schales Gefühl und die Gewissheit, nichts mehr tun zu können und zu dürfen.

Die Flucht 21. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
Tags: , , , , , ,
1 comment so far

Susann ist weg. Gegen halb zwei verlässt sie das Haus mit den Worten: „Ich bin jetzt weg.“ Was hat das zu bedeuten? In früheren, ähnlichen Ereignissen ist sie einmal durch den Garten oder um den Block gelaufen, kam dann wieder und war ganz entspannt. Wir hoffen, dass es diesmal wieder so ist.

Der Anlass verheißt nichts Gutes. Als wir Susanns Zimmer betreten, finden in dem Chaos aus zerrissenem Papier und auf dem Boden umherliegenden Kleidungsstücken in ihrem Rucksack eine Tafel Schokolade und eine Tüte Schokoladenbonbons, die sich Ruth im Wohnzimmer zurechtgelegt hatte, um sie mit zum Dienst zu nehmen. Sonst finden wir in Susanns Zimmer eine Schachtel mit halbierten Äpfeln, drei Bürsten von Jeannett und einen Kopfhörer von mir zwischen verdreckten Unterhosen.

Wie oft habe ich versucht, Susann dabei zu helfen, ihr Zimmer aufzuräumen und aufgeräumt zu halten. Es genügte, dass ich auf dem Bett saß und las oder wir uns unterhielten. Vergeblich. Keine Stunde hat es gedauert, und das Zimmer war wieder im Chaos. Wie chaotisch muss es in ihrem Kopf und ihrer geschundenen Seele aussehen! Ich wünschte, wir könnten für sie endlich Hilfe finden. Mein Entschluss steht fest: Ich werde jetzt die Kliniken, die ich recherchiert habe, anrufen und anschreiben. Es muss doch möglich sein, Hilfe zu organisieren!

Um halb vier rufe ich den Kindernotruf an. Die diensthabende Jugendamtsmitarbeiterin empfiehlt mir, die Polizei zu verständigen. Man rät mir, selber zu suchen, an den Orten, wo sie sich normalerweise aufhält. Jeannett und ich fahren zu ihrer besten Freundin und erfahren, dass beide zu einer dritten Freundin gegangen sind. Wir nehmen die Spur auf.

Die Mutter der Freundin ist nett. Sie hätte nicht gedacht, dass die beiden anderen zuhause nicht bescheid gesagt haben. Die drei sind jetzt auf einem Spielplatz.

Als sie wiederkommen, ist die Polizei auch schon da, um sich davon zu überzeugen, das alles ok ist. Susann hat nicht das geringste Schuldgefühl. Sie meint, sie hätte uns bescheid gesagt und wäre auch wieder nach Hause gekommen.

Ist das nur gutes Theater? Oder weiß sie nichts mehr über den Anlass? Es scheint so. Sie leugnet, die Süßigkeiten aus dem Wohnzimmer genommen zu haben. Sie kann sich nicht erinnern. Es ist wie immer. Sie tut etwas, kann sich nicht erinnern und fällt in ihre Schattenpersönlichkeit zurück, wenn sie mit den Tatsachen konfrontiert wird. Dann wird sie entweder aggressiv und tobt oder sie sitzt in sich gekehrt da und ist nicht ansprechbar. Wir sehen keinen Fortschritt in ihrer Entwicklung. Wir haben das Wissen, aber es fehlt uns kompetente, zielorientierte Hilfe.

Es geht uns schlecht 21. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
Tags: , , , ,
add a comment

Die Tage nach dem Wendepunkt sind für uns drei grausam. Wir stellen automatisch vier Teller auf den Esstisch, räumen einen wieder weg. Ich spüre: Diese Entscheidung hat noch lange Folgen und wir werden noch lange brauchen, um sie zu verarbeiten. Ruth leidet unter starken Magenschmerzen und kann nicht zur Arbeit gehen. Jeannett geht nicht zur Schule. Ich habe sie entschuldigt. Nur ich gehe zum Dienst; vielleicht, um mich abzulenken. Es muss ja irgendwie weitergehen.

Ich besuche Susann in der Krisengruppe, um ihr noch einige Sachen zu bringen. Sie begrüßt mich herzlich. Ruth und Jeannett können in diesem Zustand des emotionalen Aufgewühltseins eine Konfrontation nicht durchstehen. Das verstehe ich. Susann scheint entspannt, oder sollte ich sagen, resigniert? Nein, eigentlich nicht. Sie wirkt ruhig, aber nicht depressiv. Sie hat Kontakte zu den anderen Jugendlichen aufgenommen; sie ist die Jüngste. Dennoch weiß ich: Es ist für Susann ein erneuter Bindungsabbruch. Ich weiß nicht, welche Folgen das haben wird, ich hoffe nur, dass es Fachleute geben wird, die ihr helfen, die Trennung und ihre seelischen Verletzungen zu überwinden. Und ich will das Meine dazu tun, um die Folgen zu lindern. Das ist mein fester Entschluss.

Zum Glück haben wir schon länger durch das Jugendamt eine Supervision genehmigt bekommen, die uns schon viel geholfen hat. Die Supervisorin bestärkt uns in unserer Entscheidung. Sie bestätigt uns: Susann konnte wegen ihrer vielfältigen Traumatisierungen die Nähe in einer Familie nicht ertragen, wenn sie sie auch zeitweise als schön empfunden hat. All die gemeinsamen Urlaube, unsere Verwandten und Freunde, die sie vorbehaltlos akzeptiert haben, ihr Erfolg im Sportverein, wo sie sich richtig austoben konnte…

Das Fazit: Es war richtig so, es ging nicht anders. Deshalb geht es ihr im Heim auch besser.

Der Wendepunkt 20. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Wende.
Tags: , , , , , , , , , , , , ,
4 comments

Sonntag. Wie die meisten Sonntage, mit gemütlichem Frühstück am Küchentisch mit Susann und Jeannett. Die Wochenplanung ist gemacht. Wir hoffen, dass wir das Wochenende ohne Stress und Auseinandersetzungen beschließen können, nachdem der gestrige Tag ruhig verlief. Dennoch ist alles vorbereitet. Susanns Kleidung ist zum großen Teil in Kisten verpackt, um zu verhindern, dass sie sie wieder in ihrem Zimmer auf dem Fußboden verteilt oder zerreißt oder zerschneidet. Nächste Woche muss etwas passieren. Nur weiß ich nicht, was. Alle meine Bemühungen sind gescheitert. Es gibt keine Möglichkeiten mehr, Susann zu helfen. Zwei Kliniken habe ich angerufen, die mit traumatisierten Kindern arbeiten. Sie können Susann nicht aufnehmen, weil sie erstens ausgelastet sind und zweitens wir nicht in ihrem Versorgungsgebiet liegen. Für uns zuständig ist eine Klinik, die nur eine allgemeine psychotherapeutische Abteilung betreibt; kein Wort von Traumatherapie. Das geht gar nicht.

Die andere Möglichkeit wäre, Susann in einer Wohngruppe unterzubringen, die therapeutisch orientiert ist und Susann zunächst erst einmal helfen könnte, sich selbst zu finden und mit ihren vielfältigen seelischen Verletzungen zurecht zu kommen. Jahrelange tiefenpsychologische Therapie hat nichts gefruchtet. Susann ist jetzt zwölf und am Anfang der Pubertät. Aber: keine Chance. Alle verfügbaren Wohngruppen im Umkreis sind voll. Auch nehmen sie mich als Pflegevater nicht richtig ernst, einige Träger bestehen auf einer Anfrage durch das Jugendamt.

Da geschieht es. Wir bitten Susann, den Tisch abzuräumen. „Nein, mach ich nicht. Warum denn?“ Noch ein Versuch. Dann geschieht es. Susann schreit, tobt, „Ihr seid so gemein, so fies.“ Dann verstummt sie, sitzt am Tisch und ist nicht mehr ansprechbar. Ruth, meine Frau und Jeannett, ihre Schwester, zittern und weinen. Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ich weiß genau um Susanns Probleme, ihre multiple Persönlichkeit und weiß, eine halbe Stunde später kann sie das liebste, anhänglichste Mädchen sein. Aber die Zeit zwischen den Aggressionsschüben verringert sich beständig und macht unsere Familie kaputt. Erklärungen, die ich für Susanns Verhalten kenne, nutzen nicht mehr. Wir fühlen uns von allen verlassen in diesem Chaos. Etwas muss geschehen.

Als Susann in ihr Zimmer verschwindet, die Tür zuknallt, dass sie fast aus den Angeln fällt und laut schreit und weint, nehme ich die Gelegenheit wahr und hole Ruth und Jeannett am Küchentisch zusammen. Jeannett ist aufgelöst. Mit finsterer Miene und tränenerstickter Stimme flüstert sie leise: „Wenn die nicht geht, gehe ich.“

Wir wissen, dass das keine leere Drohung ist. Jeannett hat schon seit längerem beschlossen, sich ihr eigenes Leben aufzubauen und mit uns zusammen zu arbeiten. Seit ich es geschafft habe, sie an einer der letzten Gesamtschulen unterzubringen, zeigt sie Engagement und ist sehr vernünftig geworden, fast zu vernünftig. Traumatisierte Kinder nehmen häufig ihr Schicksal selbst in die Hand und wirken dabei sehr erwachsen. Besonders dann, wenn sie, wie Jeannett, jahrelang für ihre Geschwister sorgen mussten, als ihre Eltern nicht für sie da waren und sie vernachlässigten.

Etwas muss geschehen. Wir beschließen, dass wir uns von Susann trennen müssen, um uns selbst zu retten. Wir wollen sie noch heute in eine Krisengruppe des örtlichen Kinderheimes bringen. Wir brauchen Entlastung, damit wir bestehen können.

Also rufe ich, wie letzte Woche schon, die Kindernotdienstnummer an. Dies ist eine Zentrale der Feuerwehr, die den Anrufer zum örtlichen Notdienst des Landkreises weiter leitet. Wir sprechen mit der diensthabenden Sachbearbeiterin, die sich mit der Krisengruppe in Verbindung setzt. Sie ruft uns an und wir kündigen an, dass wir Susann binnen zwei Stunden abliefern werden.

Jetzt gilt es. Susann hat sich, wie zu erwarten, beruhigt. Wir bitten sie zu uns an den Küchentisch. Ich erkläre die Situation in aller Ruhe.

„Susann, du weißt, was heute passiert ist und du weißt, dass es so nicht weiter gehen kann. Es geht Jeannett schlecht, es geht uns beiden, Ruth und mir schlecht, und dir geht es auch schlecht. Wir brauchen jetzt unbedingt Abstand voneinander. Also haben wir beschlossen, dass es das beste für alle ist, wenn wir dich in die Krisengruppe des Kinderheimes bringen.“

Sie nickt mit gebeugtem Kopf.

„Wir werden jetzt die Sachen, die du brauchst, zusammen suchen, und dann fahren wir los.“

Nicken mit gebeugtem Kopf. Gespannte Blicke von Ruth und Jeannett. Nichts passiert.

„Also lasst uns anfangen.“

Ruth und Jeannett tragen die bereits gepackten Kleidungsstücke zusammen. Kisten werden gepackt. Susann sucht die Dinge zusammen, die ihr wichtig sind, während ich notwendige Dinge zusammen stelle wie den Pass, die Krankenversicherungskarte und das Asthmaspray.

Susann kommt in mein Kellerbüro. „Kannst du mir noch ein paar Urlaubsfotos von uns ausdrucken, ich möchte sie so gerne mitnehmen.“

Ich kämpfe mit den Tränen, während der Drucker rattert. Es gibt kein Zurück mehr. Aber ist die Entscheidung wirklich richtig? Haben wir uns genug Mühe gegeben? Warum bekommen wir nur Ablehnung anstatt Unterstützung? Andererseits müssen wir Jeannett schützen. Es ist alles so schlimm.

Endlich ist es so weit. Wir laden die Sachen ins Auto und fahren los. Jeannett hat für Susann eine Federtasche mit Stiften gefüllt und gibt sie ihr zusammen mit ein paar Erinnerungsstücken mit. Die Stimmung ist gelöst, fast so, als ob uns allen eine schwere Last genommen wäre.

Die Erzieherin, die für die Aufnahme verantwortlich ist, ist freundlich und verständnisvoll. Ruth, Jeannett und ich sprechen zunächst allein mit ihr und schildern ihr die Situation und Susanns Probleme. Dann kommt Susann dazu, die schon mal ihr Zimmer in Augenschein genommen hat. Sie muss jetzt ihre eigene Einweisung unterschreiben. Sie tut es, ohne mit der Wimper zu zucken. Eine kurze. herzliche Verabschiedung und wir sind wieder draußen. Zu dritt.

Der Abend verläuft gespenstisch ruhig. Jeannett zieht sich in ihr Zimmer zurück. Niemand spricht mehr über diesen Tag. Der Tag, der alles ändert. Juristisch ausgedrückt haben wir etwas getan, wogegen wir uns immer gewehrt haben. Wir haben Susann in die Obhut des Jugendamtes gegeben. Wir werden später erst begreifen, was das bedeutet. Wir haben Susann in die Obhut von Fachleuten geben müssen, in der Hoffnung, dass ihr besser geholfen werden kann. Aber wir haben ab jetzt nur noch wenig Einfluss darauf, was für Susann entschieden wird. Man wird uns noch häufig genug auf diese Tatsache verweisen.

Über diese Geschichte 20. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Wende.
Tags: , , , , , ,
add a comment

Dies ist eine Geschichte darüber, welches Schicksal manche Menschen von früh an zu ertragen haben und wie sie sich darauf einstellen. Ich habe sie “Ab jetzt vertraue ich niemandem” genannt, weil Kinder, die vernachlässigt worden sind, es schwer haben, jemals wieder jemandem zu vertrauen. Manchmal gibt es einen Punkt, an dem sie das ganz klar äußern. Das ist in dieser Geschichte geschehen.

Es ist eine Geschichte darüber, wie diejenigen, die ihnen unendliches Leid zugefügt haben, Recht bekommen und diejenigen, die versuchen, ihre Interessen zu vertreten, kämpfen müssen, um gehört zu werden und schließlich doch scheitern können. Sie ist ein Lehrstück über das Wesen der Bürokratie in Deutschland. Die Akteure sind leibliche Eltern, die in der Erziehung ihrer Kinder gescheitert sind, Pflegekinder, die durch ihre leiblichen Eltern tief verletzt worden sind und deren Pflegeeltern, die die Aufgabe haben, diese verletzten Kinder zumindest bis zu ihrer Volljährigkeit zu begleiten und die Mitarbeiter des Jugendamtes, von deren Entscheidungen das Wohl des Pflegekindes maßgeblich abhängt.

Die Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig, zeigen jedoch, dass die Vorkommnisse und Situationen in dieser Geschichte alles andere als realitätsfern sind, so unglaublich und stellenweise kurios sie sich auch anhören mögen.

Diese Geschichte enthält Anschreiben und Analysen, die fiktiv sind. Sie dienen der Darstellung des Problems, beziehen sich jedoch nicht auf real existierende Personen. Dennoch hätten sie so geschrieben werden können.

Diese Geschichte hat einen Fokuspunkt: den Wendepunkt. Von diesem aus entwickelt sich die Geschichte nach vorne und nach hinten. Wie es weiter geht, steht in der Kategorie Die Zeit danach . Die Eskalation schildert die unmittelbare Situation, die dazu geführt hat, Susann in die Obhut des Jugendamtes zu geben. Die Anbahnung fängt dort an, als die Kinder in die Pflegefamilie vermittelt werden und wie sich Pflegeeltern manchmal um Pflegekinder bemühen müssen. Hier wird geschildert, wie Pflegeeltern manchmal erst spät entdecken, wie stark ihre Pflegekinder traumatisiert sind und wie sie darauf reagieren. Der Kampf um Normalität beinhaltet alles, was wir über Jahre hinaus getan haben, von Therapien bis zum Versuch, sie in der Schule fördern zu lassen, mit allen Schwierigkeiten, die uns bereitet wurden.

Zwei Kategorien sind etwas außergewöhnlich. Zum Anfang enthält die Beschreibung des Wendepunktes und Allgemeines wie Gedichte und Geschichten. Die Analysen enthalten fachliche Ratschläge zu Einzelproblemen traumatisierter Kinder wie Grundsätze für das Zusammenleben in einer Familie oder die Auswirkung der Traumatisierung auf das Verhalten und die Leistung in der Schule.

Eine Bitte noch zum Schluss: Ich habe nichts gegen die Weiterverbreitung dieser Geschichte. Aber es steckt mein Wissen und meine Arbeit darin. Wer die Geschichte verwenden, verlinken oder zitieren möchte, erwähnt bitte die Quelle und gibt mir eine kurze Rückmeldung auf  “beratung-traumakinder(at)arcor.de”.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 102 other followers