Über diese Geschichte 20. Oktober 2009
Posted by lehrergehrke in Zum Anfang.Tags: Bürokratie, leibliche Eltern, Pflegeeltern, Pflegekinder, Schicksal, Traumatisierung, Wendepunkt
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Dies ist eine Geschichte darüber, welches Schicksal manche Menschen von früh an zu ertragen haben und wie sie sich darauf einstellen. Es ist eine Geschichte darüber, wie diejenigen, die ihnen unendliches Leid zugefügt haben, Recht bekommen und diejenigen, die versuchen, ihre Interessen zu vertreten, kämpfen müssen, um gehört zu werden und schließlich doch scheitern können. Sie ist ein Lehrstück über das Wesen der Bürokratie in Deutschland. Die Akteure sind leibliche Eltern, die in der Erziehung ihrer Kinder gescheitert sind, Pflegekinder, die durch ihre leiblichen Eltern tief verletzt worden sind und deren Pflegeeltern, die die Aufgabe haben, diese verletzten Kinder zumindest bis zu ihrer Volljährigkeit zu begleiten und die Mitarbeiter des Jugendamtes, von deren Entscheidungen das Wohl des Pflegekindes maßgeblich abhängt.
Die Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig, zeigen jedoch, dass die Vorkommnisse und Situationen in dieser Geschichte alles andere als realitätsfern sind, so unglaublich und stellenweise kurios sie sich auch anhören mögen.
Diese Geschichte enthält Anschreiben und Analysen, die fiktiv sind. Sie dienen der Darstellung des Problems, beziehen sich jedoch nicht auf real existierende Personen. Dennoch hätten sie so geschrieben werden können.
Diese Geschichte hat einen Fokuspunkt: den Wendpunkt. Von diesem aus entwickelt sich die Geschichte nach vorne und nach hinten.
Wenn die Familie zerbricht… 5. Februar 2010
Posted by lehrergehrke in Was danach geschah.Tags: Abstand, Besuch, Eskalation, Leiden, normales Mädchen, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Trauma, traumatische Erfahrung, traumatisierte Pflegekinder, Verzweiflung, Zusammenleben
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Jeannett muss fürchterlich gelitten haben. Was, wenn Susann es auf die Spitze treiben würde? Was, wenn sie beide wieder ins Heim müssten? Für Jeannett muss es eine schreckliche Vorstellung gewesen sein. Eine traumatische Erfahrung, die es in jedem Fall zu verhindern galt. Selbst wenn es ihre Beziehung zu Susann kostete. Sie will mit ihrer Schwester nichts mehr zu tun haben. Schließlich hat auch sie unter Susanns Verhalten gelitten.
Jeannett wusste: Das Zusammenleben in der Familie stand auf Messers Schneide. Wie oft hat sie Ruth und mich streiten sehen und Ruths Verzweiflung miterlebt. Sie hat die Eskalation der Situation bis zum Endpunkt befürchtet: Die Zerstörung der Familie. Das konnte sie nicht zulassen.
„Wenn die nicht geht, gehe ich.“
Dann lieber die selbst gewählte Isolation. Sie musste jetzt die Reißleine ziehen. Alles hatte sie sich aufgebaut, so viel investiert, sich von ihrem bisherigen Verhalten losgesagt, so viel Energie aufgebracht, ein ganz normales Mädchen zu werden. Alles stand auf dem Spiel. Das konnte sie nicht zulassen. Kein Wunder, dass sie sich weigert, ihre Schwester noch einmal zu besuchen. Sie bemerkt, wie weit sie sich auseinander entwickeln.
Jasmin und Ruth sind nicht in der Lage, Susann zu besuchen, so viel ist klar. Auch ich zweifle am Sinn meiner Besuche.
Wir fassen alle die Möglichkeit ins Auge, Susann nicht in unserer Gegend unterbringen zu lassen. Es muss eine therapeutische Einrichtung sein, die mit Susann ihre Probleme und Traumata aufarbeitet. Wenn Susann weiter weg wohnen würde, würde ein Abstand uns vielleicht allen gut tun. Dann wäre ein Besuch wirklich ein Ereignis, das etwas Besonderes darstellt, etwas, worauf man sich auch freuen könnte.
Wegnehmen, Entwenden, Diebstahl? 1. Februar 2010
Posted by lehrergehrke in Wie es dazu kam.Tags: beaufsichtigen, Bekannte, Beutezüge, Eigentumsrecht, Entwenden, Kindergeburtstag, Kinderzimmer, Pflegefamilie, Versuchung
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„Nee, die lad mal nicht mehr ein, die klaut.“, sagte die Mutter leise zu ihrer siebenjährigen Tochter, als sie gemeinsam die Einladungsliste zum Kindergeburtstag durchgingen.
Kinder sind für ihre Verstöße gegen das Eigentumsrecht bis zum Alter von 14 Jahren nicht rechtlich zur Rechenschaft zu ziehen. Das heißt aber nicht, dass sie bis dahin stehlen dürfen. Ihre Umwelt wird trotzdem reagieren und sie von der sozialen Gemeinschaft ausschließen. Deshalb müssen Kinder schon früh lernen, dass der Verstoß gegen gesellschaftliche Normen Folgen hat. Sie werden einfach aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.
Eine bittere Erfahrung, die auch Susann droht. Wieder haben wir unter ihrem Bett die Hinterlassenschaften ihrer Beutezüge entdeckt. Verpackungen von Schokowaffeln, die Tüte von Kaffeebonbons, Pralinenschachteln, Nougatpralinen, die Ruth so gerne isst.
Morgen sind wir zu guten Bekannten eingeladen, Susann und Jeannett freuen sich darauf. Zwar ist Seelers Junge weit jünger, aber irgendwie vergnügen sie sich immer. Der Kleine wird von seinem Vater technisch gut ausgestattet mit den neuesten Spielen. Das ist immer ein Anreiz, sich im Kinderzimmer aufzuhalten.
Unser Verhältnis zu Seelers ist vertrauensvoll. Wir wissen, dass sie verständnisvoll auf unsere Kinder eingehen. Deshalb müssen wir sie informieren und dafür sorgen, dass Susann nicht in Versuchung kommt.
Wir haben deshalb beschlossen, Susann lückenlos zu beaufsichtigen. Sie wird morgen im Wohnzimmer bei uns sitzen bleiben müssen und nicht ins Kinderzimmer dürfen. Sie darf sich etwas zu lesen mitnehmen.
Es ist traurig. Wir hätten nie gedacht, dass es so weit kommen würde.
Jeannett – benachteiligen wir sie? 28. Januar 2010
Posted by lehrergehrke in Wie es dazu kam.Tags: Aufmerksamkeit, benachteiligt, Einmaleins, Internet, Jugendamt, Mathe, Mittelpunkt, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegekinder Vermittlung, Schule, Spagat, Trauma, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Unterrichtsmaterialien, Unterstützung, Zuwendung
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Susann fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Sie braucht ständige Unterstützung bei den Hausaufgaben, wir helfen ihr aufzuräumen, wir holen verloren geglaubte Jacken, Turnschuhe und Unterrichtsmaterialien aus der Schule. Kommt Jeannett da zu kurz?
Es ist wieder einmal nachmittags. Jeannett sitzt am Computer und bereitet einen Schulvortrag vor. Damit ich Susann auch im Blick habe, sitze ich mit ihr neben Jeannett am Tisch und versuche ihr das Einmaleins beizubringen und helfe ihr bei den Mathe-Aufgaben.
„Papa, kann ich das hier aus dem Internet benutzen?“, fragt Jeannett.
Ich bin genervt.
„Jeannett, siehst Du nicht, was ich hier tue? Ich kann jetzt nicht.“
Jeannett blickt traurig. Sie kommt nicht weiter. Und ich habe eine Chance verpasst, ihr zu zeigen, dass ich auch für sie da bin. Es ist ein Spagat.
Abends möchte Jeannett nach dem Abendbrot mit uns reden. Ruth ist wie immer auch dabei.
„Ich bin sauer.“, beginnt sie.
„Immer kümmert ihr euch um Susann. Nie kann ich euch was fragen, dann ist Susann wieder wichtiger. Ich will doch bloß eine ruhige, harmonische Familie. Bin ich euch überhaupt noch wichtig?“
Sie blickt nach unten und hat wieder diesen verkniffenen Gesichtsausdruck, den wir von ihr kennen, wenn sie sich nicht wohl fühlt.
„Ich finde Susann unverschämt. Immer spielt sie sich in den Mittelpunkt.“
Sie hat Recht. Wie viel Zeit und Energie wenden wir auf, um Susann zu unterstützen. Vergessen wir dabei, dass Jeannett ebenso unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht? Aber wie bringen wir das hin, ohne dass eine von beiden sich benachteiligt fühlt?
Wir versprechen, die Situation zu ändern, wohl wissend, dass es eigentlich nicht geht. Jeannett ist nicht zufrieden.
Manchmal fragen wir uns, ob es sinnvoll war, die beiden hoch traumatisierten Mädchen mit so viel Bedarf an Zuwendung in eine Familie zu vermitteln. Jugendämter haben ein ungeschriebenes Gesetz: Geschwister werden nie getrennt vermittelt. Es wird nicht genau untersucht, welche Schwierigkeiten es geben kann, wenn beide traumatisiert sind und sich womöglich gegenseitig triggern könnten.
Nun, nach fünf Jahren, ist sowieso alles zu spät. Wir müssen mit der Situation klar kommen. Es gibt kein Zurück. Die Vermittlung ist lange her und wir haben uns darauf eingelassen. Nicht einmal die Ämter haben sich vorstellen können, wie sich die Traumatisierung auswirken könnte.
Werden Kinder bei der Vermittlung nicht genug untersucht? Haben die Sachbearbeiter überhaupt die Möglichkeit, alle Eventualitäten mit einzubeziehen?
Wir wissen es nicht. Wir müssen einfach versuchen, das Beste draus zu machen.
Jeannetts Entsetzen 25. Januar 2010
Posted by lehrergehrke in Was danach geschah.Tags: auffälliges Verhalten, Entsetzen, Fäkaliensprache, Geschwisterkinder, Pflegefamilie, Randfiguren, Therapie
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Wenn Geschwisterkinder sich längere Zeit nicht sehen, fallen sie sich in die Arme. Sie erzählen, spielen, freuen sich einfach. Wenn traumatisierte Geschwisterkinder sich wiedersehen, ist das anders. Besonders, wenn eines davon fortan im Heim lebt.
Wir haben es nicht forciert. Jeannett hat selbst den Wunsch geäußert, Susann zu besuchen. Wir ahnten nicht, was wir auslösen würden.
Es ist ein warmer Frühlingstag. Susann erwartet uns schon und begrüßt Jeannett überschwänglich. Unseren Vorschlag, Eis essen zu gehen, lehnt sie ab. Fühlt sie sich sicherer und geborgener im Heim? Vielleicht kann sie nicht einschätzen, was außerhalb passieren würde, so hat sie die Situation unter Kontrolle. Oder sie will Jeannett einfach vorführen, wie sie jetzt lebt – und etwas angeben.
Wir gehen nach oben in Susanns Zimmer. Susann kaut auf einem Kaugummi herum und tut cool.
„Manche hier sind ganz in Ordnung, aber andere sind voll Scheiße. Manchmal könnte ich voll abkotzen,“ stellt Susann eher beiläufig fest.
Jeannett begutachtet Susanns Zimmer, zieht die Schubladen auf, ist angewidert von Susanns Fäkaliensprache.
„Du schminkst Dich?“ fragt Jeannett spitz.
„Klar, und ich rasiere mir auch die Arme und Beine. Die Haare sind voll blöd.“
Jeannett überspielt ihr Entsetzen mit affektiertem, aufgedrehtem Verhalten. Fast scheint es, als wollte sie sich überbieten mit übertriebenem Getue. Aber die Situation währt nicht lange. Bald verschwindet Susann, ohne sich bei uns zu verabschieden. Es scheint, als seien wir nur noch Randfiguren in ihrem neuen Leben.
Jeannett ist entsetzt. Sie erkennt, dass Susann in alte Verhaltensmuster zurück fällt und unter dem Einfluss durch die Jugendlichen in ihrer Gruppe steht. Es muss sie an ihre Jahre in einer solchen Einrichtung erinnert haben, zu denen sie nun einen sechsjährigen Vergleich mit dem Leben in einer Familie hat, in der sie es nicht nötig hat, sich durch auffälliges Verhalten in den Mittelpunkt zu setzen.
Für mich ist eins klar: Susann muss da raus. Sie braucht unbedingt eine Therapie. Aber in diesem Heim wird das wohl ein Traum bleiben.
Am nächsten Tag bricht Jeannett den Schultag ab. Sie ist vormittags zu Hause. Zu tief ist ihr Eindruck von Susann. Sie verkraftet den Eindruck nicht, den ihre Schwester bei ihr hinterlassen hat.
Traumaweihnacht 15. Januar 2010
Posted by lehrergehrke in Wie es dazu kam.Tags: Chaos, de-eskalieren, Emotion, emotionale Bindung, Entbehrung, Entwenden, Flashback, Jugendamt, Lebensgefahr, Misstrauen, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Professionalität, Reinszenierung, Schluchzen, Sozialisation, Trauma, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Traumaweihnacht, Vertrauen, Volkssturm, Weihnachtsfest, Weinachten, Weltkrieg
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Weihnachtszeit ist Traumazeit in unserer Familie. Die Zeit, in der für jedes einzelne Familienmitglied Bilder entstehen, die wir in unseren Köpfen haben, die Teil der Persönlichkeit sind und die uns geprägt haben. Die Zeit, mit der so unendlich viele Erwartungen verbunden sind, Stimmungen und Vorstellungen. Nicht nur für unsere Kinder gibt es traumatische Erlebnisse, die mit der Weihnachtszeit verknüpft sind.
In meinem Elternhaus war Weihnachten immer eine Zeit des Überflusses, ja, fast könnte man sagen, der Völlerei. Es gab Gans am ersten Feiertag, es wurde Wein getrunken, die Familie saß beisammen, immer waren unsere Großeltern, Tanten und Onkel dabei, die bunten Teller quollen vor Süßigkeiten über. Alle kannten nur ein Thema: Die Entbehrungen des Weltkrieges. Die Geschichte über die Zeiten der Gefangenschaft meines Vaters, nachdem sein Minensuchboot im Ärmelkanal von Briten torpediert wurde und von denen die verheilten tiefen Narben an seinen Armen und Beinen beredtes Zeugnis ablegten, kannten wir auswendig. Die Zeiten der Flucht meiner Mutter erst aus Paris vor den heran nahenden alliierten Truppen und dann aus Berlin vor der Sowjetarmee aus Angst vor Vergewaltigungen haben sie tief geprägt.
Mir fehlte als Jugendlicher angesichts der Hungersnot in Biafra und des Vietnamkrieges jedes Verständnis für solche Feste. Als Kind wusste ich, dass Familie an einem solchen Tag zusammen gehört, dass es harmonisch und romantisch war, das alle Kriegsbeile begraben wurden. Ich weiß heute, wie stark der Krieg meine Eltern traumatisiert hat und dass das Weihnachtsfest ein Freudenfest war, an dem man sich alles leisten konnte, was es früher nicht gab und das die Wunden heilte.
Ruth hat, wie jeder, ihre eigenen Erfahrungen mit dem Weihnachtsfest. Ihr Vater brachte in konstanter Regelmäßigkeit die Weihnachtsgans als ersten Preis vom Preisskat mit nach Hause. Der Weihnachtsbaum wurde im Wald gefällt und beim Förster gekauft. Er wurde von ihrem Vater geschmückt und niemand durfte ihn sehen, bevor das Werk vollendet war. Die Familie war beisammen und so manches Mal musste Vater, der Eisenbahner war, an den Feiertagen hinaus, um Weichen und Gleise vom Schnee und Eis zu beseitigen. Auch er hat sein Trauma im Krieg erlebt, als er als 15-Jähriger zum „Volkssturm“, dem letzten Aufgebot der nationalsozialistischen Diktatur an der Ostfront, eingezogen wurde und im April 1945 sehen musste, wie er seinen Heimweg über Hunderte von Kilometern durch ein in Schutt und Asche liegendes Land fand.
Und dennoch: Es gab intakte Familienbande, oft Helfer in der Not und die Geschichten aus dem Krieg klingen alle erstaunlich positiv und es gab irgendwie immer eine Wende zum Besseren. Besonders die Familien der damaligen Bundesrepublik und dem Westen Berlins genossen die wieder erlangte Freiheit und den Wohlstand und hatten kein Verständnis für die Generation der „Achtundsechziger“, die politische und moralische Vorstellungen ihrer Eltern so vehement kritisierten.
Weihnachten für unsere beiden Pflegekinder ist dagegen immer wieder eine Zeit der Erinnerung an das Schlimmste, was ihnen je passierte. Es geschah mitten in ihrer Familie, die sich zum Weihnachtsfest versammelt hatte. Schon damals war klar, dass die Eltern nicht in der Lage waren, die beiden Kinder zu versorgen. Das Jugendamt vertraute aber darauf, die Familie zu stabilisieren. Deshalb beurlaubte man sie für die Festtage aus dem Heim in ihre Familie.
Jeannet sitzt mit Susann in der Küche und spielt. Plötzlich ein Streit. Der Vater brüllt, Mutter schreit hysterisch, sie fällt zu Boden, überall ist Blut. Vater schließt sich auf der Toilette ein, sein Schwager tritt gegen die Tür, er versucht, seine Schwester zu rächen. Ein unglaubliches Chaos. Die Kinder kommen hinzu, Susann wirft sich vor die Toilettentür, wird von ihrem Onkel getreten, bevor er sich umwendet und seiner am Kopf verletzten Schwester zu Hilfe eilt. Jeannett, die für ihre Schwester schon in mancher Situation eintreten musste und weiß, was sie in scheinbar aussichtslosen Situationen zu tun hat, hat sich schon den Weg zum Telefon gebahnt und die Polizei benachrichtigt.
Es dauert zwanzig lange Minuten. Sie scheinen wie eine Ewigkeit. Die blutende Mutter am Boden, die Kinder und ihr Onkel neben ihr. Der Vater noch immer verschanzt. Endlich klingelt es. Wieder ist es Jeannett, die die Initiative ergreift und die Tür öffnet. Männer in weißen Jacken und Hosen stürmen herein, versorgen die Verletzte und tragen sie hinaus. Keine Lebensgefahr. Es soll das letzte Mal, dass sie diese Wohnung betritt.
Nach den Sanitätern folgt die Polizei. Sie fordern Verstärkung an. Die erste Mannschaft nimmt Vater und Onkel mit. Die zweite kümmert sich um die Kinder. Jeannett stellt ungerührt fest: „Ich will wieder ins Heim. Da sind wir sicher.“ Susanns verzweifeltes Schreien ist in ein leises Schluchzen übergegangen. Sie ist tagelang nach dem Ereignis nicht mehr ansprechbar. Jeannetts Augen haben sich in kleine Schlitze verwandelt, aus denen sie die Umwelt mit misstrauischen Augen betrachtet. Ihr Mund ist schmal, ihr Gesichtsausdruck hart und ernst. Es dauerte Jahre, bis er sich änderte.
Jeannett und Susann haben ein Schicksal erlitten, das uns als Pflegeeltern so völlig unvorstellbar ist. Es dauerte Jahre des Einfühlens und der Erfahrung, bis wir uns eine ungefähre Vorstellung von den Folgen machen konnten, die ihre Persönlichkeit beeinflussen. Wen wundert es, dass unsere Kinder Erwachsenen nicht mehr vertrauen? Für uns heißt das, uns Stück für Stück ihr Vertrauen zu erarbeiten und zu verdienen. Sie müssen erfahren, dass wir für sie da sind, bedingungslos ihre Interessen vertreten und uns für sie einsetzen.
Für Jeannett ist es nicht einfach, dies zu akzeptieren. Sie war immer diejenige, die Susann beschützen musste und für sie gesorgt hat, wenn ihre Eltern als Versorger ausfielen. Sie meint in jeder Situation zu wissen, was sie zu tun hat und was für sie am besten ist. Es fällt ihr schwer, zu akzeptieren, Rat anzunehmen und zuzugeben, wenn sie falsch liegt. Nach den Erfahrungen, die sie gemacht hat, verwundert das nicht.
Susanns Misstrauen ist hilflos. Sie verweigert sich, sie versorgt sich durch Entwendungen, sie provoziert, um die Loyalität der erwachsenen Bezugspersonen zu testen. Häufig tauchen bei ihr die Bilder auf, die sie an Situationen der Vernachlässigung und der Gewalt erinnern. Sie kann dann die Realität und ihre Flashbacks nicht mehr auseinander halten. Und sie reinszeniert Situationen, die ihr bekannt sind, aber unter denen sie so sehr leidet. Es ist wie ein Teufelskreis.
Weihnachten ist mit vielen Erwartungen besetzt. Der Harmonie, die wir Pflegeeltern kennen und gerne hätten, stehen die Erfahrungen unserer Pflegekinder entgegen. Unsere Vorstellungen und die harmonische Situation tun ihnen einerseits auch gut und sie möchten sie ebenso genießen. Andererseits macht Harmonie und Familienglück sie orientierungslos, so dass sie alles dafür tun, die ihnen bekannte Situation, unter der sie so gelitten haben, wieder herzustellen.
Wenn Susann ihren Adventskalender innerhalb von zwei Tagen leer räubert, fragen wir uns, warum sie das tut, und es berührt uns emotional. Können wir es schaffen, es als ein Unvermögen zu betrachten, Vorhandenes einzuteilen und Verfügbares nicht aufzuheben, die Spannung zu ertragen, die darin liegt? Seien wir ehrlich: Solches Verhalten widerspricht unserer Sozialisation und unseren Normen. Es verlangt verdammt viel Toleranz, damit umzugehen und viel Selbsterkenntnis, die in der konkreten Situation nicht immer präsent ist.
Wir wissen: Als Pflegeeltern haben wir die Aufgabe, unseren Pflegekindern zu zeigen, dass wir sie annehmen, mit allen Erfahrungen und allem Anderssein, auch wenn wir es uns nicht immer erklären können. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie willkommen sind.
Dabei brauchen Pflegeeltern Hilfe. Gerade in der Weihnachtssituation müssen sie stark sein. Ob Jugendämter und Therapeuten davon wissen? Ob sie bereit sind, Unterstützung zu gewähren?
Es wird viel von Professionalität in der Pflege von traumatisierten Kindern gesprochen. Heißt Professionalität einfach das Ausschalten von Emotionen und der eigenen Sozialisation? Kann das gelingen? Oder entstammt dieser Anspruch der Realität der Ämter und Heime? Kommt er daher, wo es für Mitarbeiter überlebenswichtig ist, Abstand zu wahren, um nicht berufliche Probleme mit in die Freizeit zu nehmen, damit die Erholung vom Arbeitsalltag gelingt?
Pflegeeltern haben keinen Feierabend. Sie sind jede Sekunde ihres Lebens mit der Traumatisierung ihrer Pflegekinder konfrontiert. Professionalität heißt hier: Sich das Verhalten der Pflegekinder erklären können und blitzschnell zu de-eskalieren, um Situationen nicht ausufern zu lassen. Ist diese Aufgabe lösbar?
A propos Professionalität von Ämtern und Weihnachten:
Aus einer Einladung eines Jugendamtes zu einer Weihnachtsfeier:
„Auch dieses Jahr möchten wir wieder eine Weihnachtsfeier durchführen.“
Wie war eigentlich die Durchführung Ihres Weihnachtsfestes dieses Jahr?
Besuch vom Jugendamt 16. Dezember 2009
Posted by lehrergehrke in Wie es dazu kam.Tags: Aggression, Entscheidungsgewalt, heilpädagogische Pflegestelle, Jugendamt, Kinderklaubehörde, Pflegefamilie, Pflegestelle, Sachbearbeiter, Sparzwänge, therapeutische Hilfe
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Jugendämter haben einen schlechten Ruf. Verkrusteter Behördenapparat, Kinderklaubehörde, unprofessionelles Vorgehen, unberechenbare Entscheidungen, keiner Kontrolle unterworfen, das sind Einschätzungen, die man allenthalben hört. Verallgemeinerungen, die nur manchmal zutreffen.
Unsere Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Wir wissen, dass viel vom jeweiligen Sachbearbeiter abhängt. Die besten sind diejenigen, die sich einfühlen können und das Notwendige veranlassen. Es ist nicht einfach, einen Antrag auf eine Unterbringung in einer heilpädagogischen Pflegestelle durchzukriegen. Mit der Hilfe einer Sachbearbeiterin in einem anderen, damals für uns zuständigen Jugendamt ist der heilpädagogische Bedarf für Jeannett und Susann relativ unkompliziert verlaufen. Andererseits haben wir Sachbearbeiter kennen gelernt, die im Beisein unserer ältesten Pflegetochter (16 Jahre) gefragt hat: „Wo ist denn nun die kleine Nadine?“ Lesen sie die Akten nicht? Bereiten sie sich nicht auf Gespräche mit Pflegefamilien vor?
Wer in einem solchen Beruf arbeitet, braucht Durchsetzungskraft, die sich nicht gegen die Pflegefamilien richtet. Ein guter Sachbearteiter muss in seinem Amt das für Pflegefamilien Notwendige und Machbare erreichen. Sparzwänge und dienstliche Vorgaben schränken seine Entscheidungsgewalt erheblich ein. Er kämpft an zwei Fronten. Es ist eine Position, die nicht beneidenswert ist. Und einige gehen den Weg des geringsten Widerstandes.
Frau Gerster hat sich angemeldet. Seit einigen Monaten ist sie für uns zuständig. Das Gespräch verläuft angenehm und professionell. Wir schildern unsere Erfahrungen mit den Kontakten mit den Kliniken und machen es dringlich, dass Susann professionelle therapeutische Hilfe bekommt. Wir brauchen Abstand und eine Auszeit.
„Wie halten Sie das bloß aus, das chaotische Zimmer, die Aggressionsschübe, die vielen Telefonate.“ Ihr Entsetzen zeigt uns ihr Mitgefühl, so gar nicht gespielt, so ehrlich, so wohlmeinend.
„Klar,“ sagt sie aufmunternd, „wir kriegen das hin, ich bemühe mich um die Zustimmung des Vaters, da gibt es keine Schwierigkeiten.“
Gott sei Dank, sie ist auf unserer Seite, sie versteht uns, sie vertraut auf unsere Kompetenz. Wer aber kennt zu diesem Zeitpunkt schon die vielen bürokratischen Hindernisse und weiß, dass alles ganz anders kommen soll.
Unser Gefühl nach Frau Gersters Besuch ist so, wie es sein soll. Positiv, bestärkt, unterstützt, wertgeschätzt. Wie lange hat uns dieses Gefühl schon gefehlt, wenn der Mitarbeiter des Jugendamtes unser Haus verließ!
Blut ist dicker als Wasser 1. Dezember 2009
Posted by lehrergehrke in Was danach geschah.Tags: Besuchskontakt, Jugendamt, Kindheit, Krisengruppe, leibliche Eltern, Pflegeeltern, Pflegekinder, Schuld, Verlust, Verwandte
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Wer gehört zur Familie? Alle die, die unter einem Dach leben? Alle, die von denselben Eltern stammen? Gehören Pflegekinder zur Familie? Was ist mit Neffen, Nichten, Onkel, Tanten, Großeltern? Und was ist mit den leiblichen Eltern von Pflegekindern?
Wir sind dabei, Familie neu zu definieren. Die wesentlichste Frage:
Gehört Susann noch zu unserer Familie?
Jeannett wehrt sich. Sie meint, Susann hat es bewusst so weit getrieben, dass sie nicht mehr zu unserer Familie gehört.
„Aber sie hat Euch doch bloß, wenn ihr sie besucht. Du hast deine Eltern 365 Tage im Jahr,“ wendet die Supervisorin ein.
Jeannett ist entrüstet: „Na und, sie hätte uns auch 365 Tage im Jahr haben können. Sie wollte ja nicht.“
Ich kann Jeannett verstehen. Aber ich kann so nicht denken. Für mich ist es ein riesiger Verlust, dass Susann nicht mehr bei uns lebt. Andererseits weiß ich, was es bedeutet hätte, wenn Susann noch bei uns leben würde. Ich gebe ihr keine Schuld daran, dass sie unter ihrem Trauma leidet und sich nicht in der Gewalt hat.
Die Supervisorin macht einen weiteren Versuch.
„Eure große Pflegeschwester lebt zwar nicht mehr bei Euch, sie ist weit weg. Gehört sie denn nicht zu eurer Familie?“
Jeannett: „Natürlich, das ist doch etwas ganz anderes.“
Jeannett glaubt, Susann will nicht mehr zur Familie gehören, sie hat ihre Chance verspielt.
Man sagt, Pflegekinder haben zwei Familien. Die leibliche und die Pflegefamilie. Sie richten sich völlig neu auf die Pflegefamilie aus. Sie erbringen eine unglaubliche Anpassungsleistung. Einige, wie Jeannett identifizieren sich mehr mit der Pflegefamilie als mit der leiblichen Familie, die weit weg ist und ihnen vielleicht sogar unendliches Leid getan haben. Andere sind immer in einem Konflikt.
Dennoch haben die leiblichen Familien eine große Bedeutung für die Pflegekinder – und leider auch für die Jugendämter. Spätestens in der Pubertät fragen sich die Kinder, wo sie her kommen. Meist können sie ihre leiblichen Eltern sehr gut einschätzen und wissen, was sie an der Pflegefamilie haben. Die Jugendämter drängen immer darauf, dass Pflegekinder den Kontakt zu ihren leiblichen behalten, koste es, was es wolle und ohne Rücksicht auf die Befindlichkeit der Kinder.
Blut ist dicker als Wasser, darauf müssen wir uns als Pflegeeltern einstellen. Dass Pflegekinder wissen wollen, dass es ihren leiblichen Eltern gut geht, muss überhaupt nicht heißen, dass sie zu ihnen zurück wollen. Dazu sind Besuchskontakte da. Sie dazu zu benutzen, dass es den leiblichen Eltern besser geht, ist zwar eine oft geübte Praxis der Jugendämter, aber durch nichts gerechtfertigt, auch nicht durch das Gesetz. Das Kind steht im Mittelpunkt.
Unsere Position als Pflegeeltern ist eindeutig. Wir machen die leiblichen Eltern nicht schlecht, aber wir machen sie auch nicht besser, als sie sind. Wir wehren uns gegen alles, was den uns anvertrauten Kindern schadet.
Wenn Besuchskontakte schaden, dürfen sie nicht stattfinden. Basta!
Es ist gut, dass ich mir über dieses wichtige Thema klar geworden bin. Bei meinem nächsten Besuch bei Susann spreche ich es an.
Susann wirkt nervös und unkonzentriert, als ich sie besuche. Sie lebt im Hier und Jetzt. Nichts schein ihr wichtiger zu sein als die anderen Gruppenmitglieder, was sich von ihr halten, wer was von wem glaubt und hält. Obwohl ich mich etwas daneben fühle, kann ich sie verstehen. Sie muss mit dieser Situation hier in der Krisengruppe klar kommen, das ist ihre Lebensrealität. Wir sind die Vergangenheit. Wir sind nicht mehr wichtig. Das müssen wir akzeptieren.
Und dennoch frage ich sie: Wer gehört für dich zu deiner Familie?
„Ist doch ganz klar. Jeannett, Ruth und du.“
Hat sie nur gut pariert? Ich glaube nicht. Aber ich weiß jetzt, dass sie jetzt in drei Welten lebt: In der ihrer Kindheit, in der unserer Familie und in der der Krisengruppe.
Du bist meine Mutter! 26. November 2009
Posted by lehrergehrke in Wie es dazu kam.Tags: Aggression, Chefarzt, Fachleute, Familie, leibliche Mutter, Rehablitationsklinik, Reinszenierung, Therapie, Therapiehund, Therapieprozess, Trauma, Traumatherapie, Unterbringung, Verhalten, Wissenschaft, wissenschaftliche Erkenntnisse
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Susanns Zustand verschlimmert sich von Tag zu Tag. Ihre Aggressivität wächst ständig, besonders gegenüber Ruth.
Susann reinszeniert, was das Zeug hält. Sie hält Ruth für ihre leibliche Mutter, kann nicht mehr unterscheiden. Sie war damals dabei, als ihr Vater sie erschlagen hat. Aber auch ihre Mutter muss ihr viel angetan haben.
„Susann, kommst du bitte in den Keller. Wir müssen die Wäsche aufhängen.“
„Nein, wieso.“
„Weil auch deine Wäsche dabei ist.“
Susann tobt.
„Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist richtig unverschämt.“
Ruth stürzt nach oben in die Küche. Sie ist in Tränen aufgelöst. Susann schlägt ihre Zimmertür hinter sich zu.
Ruth fällt mir schluchzend in die Arme. „Niko, ich halte das nicht mehr aus. Warum macht sie das mit mir? Warum macht sie unsere Familie kaputt? Was mache ich denn falsch? Ich hab doch gar nichts Schlimmes gemacht!“
Mir fallen alle möglichen guten Ratschläge von Ämtern, Fachleuten und anderen Pflegeeltern ein.
„Nehmt Euch das nicht zu Herzen.“
„Sie meint gar nicht Euch.
„Holt Euch kompetente Hilfe.
Aus Seminaren mit Fachleuten weiß ich, was da passiert. Ich weiß, dass Susann Ruth gar nicht meint. Ich kenne die Mechanismen. Und wenn es ernst wird, wenn man Forderungen hat, ernst genommen werden will, ist plötzlich keiner mehr da. Dann ist alles zu teuer oder nicht notwendig.
Und was nützt es uns? In der Situation nützen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Alle die, die von uns Professionalität verlangen, haben keine Ahnung. Professionelle Erzieher und Sozialarbeiter gehen abends nach Hause zu ihrer Familie. Wir sind Familie, von der geballten Kraft der Emotionen betroffen.
Ich bin mir sicher, wir schaffen das nicht alleine, wir brauchen Fachleute. Es gibt da die Möglichkeit der psychotherapeutischen Tageskliniken. Susann würde morgens dort hin abgeholt werden, eine Therapie machen und abends bei uns sein. Der Vorteil wäre, dass wir abends daran weiter arbeiten könnten, woran sie tagsüber gearbeitet hätte. Wir wären auch ganz stark mit einbezogen und zugleich entlastet.
Die andere Möglichkeit wäre eine längere, mehrwöchige stationäre Therapie. In den meisten Kliniken wären wir in den Therapieprozess mit einbezogen. Daran anschließen würde sich eine gute, wirksame Traumatherapie, die Schritt für Schritt die Situation verbessern würde. Aber ich habe auch schon recherchiert, dass es Kliniken gibt, die nur ganz allgemein therapieren, die mit Susanns Problemen wahrscheinlich gar nicht klar kommen würden. Das heißt, eine Unterbringung käme erst in Frage, nachdem ich mir die Klinik angesehen und mit den Ärzten gesprochen hätte. Wir wollen Susann auf keinen Fall irgend wo hin abschieben.
Ein kalter Januartag auf der Autobahn. Ich bin auf dem Weg in die Selbbachklinik. Die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat mir schnell und unkompliziert einen Termin gegeben. Von der Arbeit aus fahre ich siebzig Kilometer durch Dunkel und Schneetreiben. Die Klinik ist mir empfohlen worden. Der Internetauftritt verspricht Gutes: Gruppen- und Einzeltherapie, EMDR und Tramatherapien, die Susann helfen könnten. Eine Chefärztin mit Reputation und Engagement. Nur, dass die Chefärztin, die im Internet noch für die Klinik wirbt, plötzlich nicht mehr auffindbar ist. Die Klinik teilte mir mit, dass sie dort nicht mehr tätig sei. Egal. Kann eine Klinik so schnell ihren therapeutischen Ansatz wechseln?
Das Gelände ist schön. Bewaldet, mitten in einer natürlichen Umgebung. Schon stelle ich mir vor, wie wir Susann besuchen, wie wir mit Ärzten und Pflegern an Susanns Problemen kompetent zusammen arbeiten.
Die Chefärztin ist nett, ruhig und kompetent. Der Therapiehund liegt, erschöpft von seinem Tagewerk, zu meinen Füßen. Auf der Station geht es entspannt zu.
Ich schildere Susanns und unsere Probleme. Die Chefärztin hört ruhig zu und macht sich Notizen.
Dann ihre Einschätzung.
„Wissen Sie, wir sind eine Rehabilitationsklinik. Wir sind keine therapeutische Klinik. Die Kinder, die zu uns kommen, haben Probleme, ja. Und wir können sie meistens lösen. Aber wir gehen da ganz konventionell vor. EMDR wenden wir nicht mehr an. Ihre Pflegetochter ist ja, nach Ihrer Beschreibung zu urteilen, stark traumatisiert. Wir haben hier nicht die Möglichkeit einer Diagnostik. Da spielt das Verhalten auch eine große Rolle. Zum Schutz unserer anderen Patienten können wir aggressive Ausbrüche nicht dulden.“
Und was heißt das?
„In solchen Fällen würden wir das Kind sofort entlassen.“
Ich bemühe mich, freundlich zu sein und Verständnis zu zeigen.
„Sollten Sie sich für einen Aufenthalt entscheiden, können Sie mich jederzeit wieder anrufen.“
Ja, danke. Was soll das Ganze? Warum fahre ich hier stundenlang durch den Schnee? Nur um zu erfahren, dass Fachleute eigentlich auch nicht weiter wissen und letztendlich unbequeme Kinder abschieben? Das wollten wir nun gerade nicht.
Wie oft haben wir es schon gehört: Ein ganz komplizierter Fall, schwierig, jahrelange Therapie, schwer zu behandeln, überfordert unsere Möglichkeiten. Was denken diese Leute eigentlich, in welcher Situation wir sind??
Immerhin: Ich bin vorgelassen worden, ernst genommen worden, habe auf Augenhöhe mit einer Chefärztin reden können. Das streichelt etwas mein Ego.
Aber das alles bringt uns keinen Deut weiter.
Die Suche geht weiter 22. November 2009
Posted by lehrergehrke in Was danach geschah.Tags: Asthma, Facharzttermin, Fachleute, Familientherapie, Jugendamt, karitative Organisationen, Klinik, Krankenversicherung, Lungenärzte, Oliver Hardenberg, Pflegeeltern, Pflegekinder, Psychotherapeuten, Seminar, Solidarität, Suchen, systemische Familientherapie, Therapie, traumatisierte Pflegekinder, Verantwortung
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Suchen ist eine meiner Hauptbeschäftigungen dieser Tage. Heute suche ich in der virtuellen Welt des Internet real existierende Lungenärzte in unserer Gegend. Ruth hat irgendwie einen asthmatischen Husten entwickelt. Der Stress der letzen Tage zeigt sich nun körperlich bei ihr. Aber alle Ärzte, die wir auch anrufen, haben Wartezeiten von bis zu drei Monaten. Wie kann es sein, dass in einem zivilisierten Land wie unserem wir in einer schlimmen Situation monatelang auf einen Facharzttermin warten müssen?
Schließlich klappt es doch. Die Diagnose ist klar: Asthma. Ruth muss nun unter ständiger Beobachtung bleiben. Immer, wenn´s Stress gibt, wird sie damit rechnen müssen.
Suchen, die zweite. Wir wollen das Übel endlich bei der Wurzel packen. Jeannett weigert sich, eine Therapie zu beginnen. Sie braucht unsere Hilfe und Unterstützung, wenn sie einer Therapeutin gegenüber sitzt, ein Mann kommt sowieso nicht mehr in Frage. Also versuche ich eine Familientherapeutin aufzutreiben.
Eine Anfrage bei meiner Krankenversicherung ergibt, dass systemische Familientherapien aus irgend einem Grund nicht bezahlt werden. Auch keine Chance beim Jugendamt auf Übernahme der Kosten.
Also sehe ich mich nach karitativen Organisationen um und rufe sie an. Es dauert eine Weile, ehe ich heraus bekomme, dass es auch hier Zuständigkeiten gibt, die auf Gebiete beschränkt sind. Endlich finde ich eine Sozialeinrichtung, die vom Diakonischen Werk geführt wird. Ich bekomme sogar einen Termin.
Leider müssen wir feststellen, dass diese Art der Hilfe nicht ausreicht. Ruth und Jeannett sprechen von einem „Kaffeekränzchen“. Die beiden Damen haben sich wirklich große Mühe gegeben, aber wir mussten erkennen, dass es ihnen sehr schwer fiel, unsere Problematik überhaupt zu verstehen.
Viele Fachleute haben uns schon wissen lassen, dass unsere Situation eine ganz besondere, komplizierte ist. Aber was nützt uns das, wenn wir keine Hilfe bekommen?
Außerdem: Viele andere Pflegeeltern werden sicherlich wie wir kämpfen, um das Beste für die ihnen anvertrauten Kinder zu erreichen. Von einigen wissen wir es. Es ist nur zu wenig bekannt, was es bedeutet, für Kinder Verantwortung zu tragen, die schon so viel in ihrem kurzen Leben haben aushalten müssen.
In einem hervorragenden Seminar, das wir besucht haben, um unsere Kinder besser verstehen zu lernen, machte es der Referent Oliver Hardenberg ganz deutlich:
Pflegeeltern haben die Interessen ihrer traumatisierten Pflegekinder zu vertreten. Wer sonst, wenn nicht sie? Sie müssen die Pflegekinder die volle Solidarität durch Parteilichkeit erfahren lassen.
Wann endlich werden Jugendämter, Psychotherapeuten und Kliniken diese Tatsache akzeptieren und jenseits von fachlichen Meinungsverschiedenheiten und Zuständigkeiten mit der konkreten Hilfe für Pflegeeltern und deren traumatisierten Pflegekindern beginnen?